Diese Geschichte ist eine reine Fanpublikation und dient keinen kommerziellen Zwecken. Alle Rechte für Star Wars liegen bei Lucasfilm Ltd.

Ich weiß nicht, was ich an dieser Geschichte so mag, aber sie ist meine Lieblings-Fan-Fiction, weil sie etwas hat, was den anderen Geschichten fehlt - vielleicht ein leiser Unterton von Humor.
Ebenfalls eine Geschichte, die noch vor den drei neuen Filmen entstanden ist, und in der die Fantasie noch frei fliegen konnte.

Christel Scheja, 9/10.September 1995

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Christel Scheja

Traumgänger


Eine Star Wars Fanfiction von Christel Scheja


Luke streckte sein Gesicht noch einmal in den kühlen Wind, der einen würzigen Duft mit sich brachte, ehe er die Kaschemme im verrufensten Viertel von Damianes betrat. Aber immerhin lag diese Cantina in der Nähe des Raumhafens.
Stimmengewirr vielfältiger Art schlug ihm entgegen. Im Hintergrund spielte eine Band und verwischte die Geräusche mit ihrem unmelodischen Lied. Luke grinste schief. Was hatte er anderes erwartet, als das Übliche? Diese Kneipe war auch nicht anders als die vielen, in denen er sich in den letzten Jahren herumgetrieben hatte, eingeschlossen die in Mos Eisley.
Einen Moment schossen ihm alte Erinnerungen durch den Kopf. Wie lange war es her, daß er mit Ben die Kaschemme in Mos Eisley betreten hatte? Zehn, fünfzehn Jahre? Er zog den Mantel zurecht, den er über seiner schwarzen Kombination trug und verdrängte die melancholischen Gedanken, während er seinen Blick über die Anwesenden streifen ließ. Er suchte unter den anwesenden Aliens und Humanoiden nach dem Mann, mit dem er sich hier verabredet hatte, um auf Han und Leia zu warten, die sie abholen wollten.
Während die Prinzessin offiziellen, diplomatischen Missionen nachging, oblag es ihm noch immer, hinter die Kulissen zu schauen und Gerüchten über eine versteckte imperiale Basis auf dem Südkontinent nachzugehen. Nach all den Jahren des Kampfes stand die Neue Republik noch immer nicht so sicher auf den Beinen, wie es wünschenswert gewesen wäre. Glücklicherweise hatten sich die Gerüchte als falsch herausgestellt...
Ein rüsselnasiger Druss stieß gegen Luke und taumelte erschreckt zurück, als er ihn ansah. Ein Schauder ließ über Lukes Rücken, als er die angstvollen Augen des Alien sah und in der Macht die Aufwallung von Angst spürte. Sein entschuldigendes Lächeln ließ diesen davonhasten. 'Was hat ihn erschreckt?' fragte sich der Jedi nachdenklich. Ehe er darüber weiter nachgrübeln konnte, fiel sein Blick auf einen in der Ecke stehenden Tisch. Erleichtert über die Ablenkung, denn er hatte den Gesuchten erspäht, steuerte er auf die dort sitzenden Spieler zu.

Lando Calrissian war so in seine Strategie vertieft, den fetten Rastener beim Sabacc abzuzocken, daß er den Besucher erst bemerkte, als er eine Bewegung neben sich spürte. Er blickte kurz hoch. "Hi, Luke!" meinte er, während der junge Mann abwartend neben ihm stehen blieb. Lando wandte sich wieder dem Spiel zu und spielte sein Blatt aus. Wie erwartet fiel der mopsgesichtige Humanoide auf der anderen Seite des Tisches auf seine Finte herein und vergab die Kombination, die ihn zum Sieg geführt hatte.
Lando grinste zufrieden, als er die Credits einsammelte und dabei die ersten Töne eines Liedes pfiff. Es war doch etwas anderes, gegen unbedarfte Angeber zu spielen, als solche gewieften Schmuggler wie Han. Die Männer hier waren durch seine Tricks noch zu beeindrucken, und er konnte feststellen, daß er nichts verlernt hatte.
Grinsend steckte er das Geld ein und wandte sich Luke zu. Er musterte den Schwarzgekleideten, der ein wenig müde wirkte und nickte. "Laß uns zur Bar gehen! Du hast eine hiesige Spezialität noch nicht probiert, die du dir unbedingt einmal gönnen solltest!" meinte er dann und schüttelte insgeheim den Kopf. 'Jedi-Meister Skywalker. Ja, so sieht er mittlerweile auch aus. Wie ein alter Mann, der in seinen Pflichten aufgeht und immer mehr vergeistigt. Er scheint sich kaum einem Spaß im Leben zu gönnen.' Immerhin kannte er Luke, seit dem Verlust von Bespin an das Imperium, und die bewegten letzten Jahre hatten sie zu Freunden werden lassen.
Manchmal konnte er Han verstehen, daß er in Luke Skywalker einen jüngeren Bruder sah. Er erhob sich und deutete auf einen anderen Teil der Kaschemme. "Dahinten!" Er klopfte Luke auf die Schulter und zwinkerte einer hübschen Bedienung zu, ehe er sich durch die Menge schob.
"Hast du alles erledigt, was du wolltest?" fragte der Jedi ihn dann neugierig. "Wie liefen deine Geschäfte?"
Lando zuckte mit den Schultern. "Das gleiche könnte ich dich fragen!"
Während Luke in der Stadt eine geheime Mission durchgeführt hatte, war er offiziell als Geschäftsmann aufgetreten, um neue Rohstoffquellen für sich und die Republik aufzutun.
"Nun, ich denke, wenn die Besitzer der Balbas-Minen jetzt keinen überraschenden Rückzieher machen, ist alles unter Dach und Fach. Du mußt wissen", plauderte er, "ich bin für sie kein Fremder. Ich war vor ein paar Jahren schon einmal hier. Deshalb habe ich die LADY LUCK zu Hause gelassen. Das Schiff ist hier üblerweise registriert", deutete er an.

Luke nickte. Ihn wunderte nicht, daß Lando sich so vorsichtig ausdrückte. Schließlich war der dunkelhäutige Freund wie Han jemand, der seinen Lebensunterhalt mit Glücksspiel und illegalen Geschäften verdient hatte, wobei Lando Calrissian ihm mehr als gewiefter und gerissener Geschäftsmann aufgefallen war. Wenn er die Leute schon einmal über den Tisch gezogen hatte, dann waren sie natürlich dementsprechend vorsichtig, mochte Lando jetzt auch noch so sehr beteuern, daß er es ernst meinte.
An der Bar angelangt, suchten sie sich eine freie Stelle. Lando schnippte einen Plastikchip zum Barkeeper und bestellte: "Zwei große 'Synor-hadyn'." Der graubärtige Einheimische zog die buschigen Augenbrauen hoch und murmelte etwas Unverständliches. Luke, der einen Moment Verwunderung gespürt hatte, beobachtete neugierig, wie der Barkeeper einige kleine Flaschen aus einem verdeckten Fach holte und dann eine der süßen, violetten Früchte aufschnitt, die Luke schon mehrfach gegessen hatte.
Auf diese träufelte er einen dunkelgrünen, dickflüssigen Likör, ehe er die Hälften in die schmalen, hohen Gläser schob. Dann füllte er die anderen Flüssigkeiten auf und stellte schließlich zwei regenbogenfarbige Drinks vor die Männer.
Lando klopfte einen leisen Rhythmus auf die Theke. Sein Blick wirkte geistesabwesend, bis er sein Glas ergriff und daran nippte. "Ah!" meinte er zufrieden. "Sie sind immer noch so gut wie damals, G'TamRhis!"
Der Barkeeper räumte die Flaschen wieder weg und verzog dabei die Mundwinkel, sagte aber kein Wort.
Luke nahm sein Glas und kostete vorsichtig. Er nickte als sich der Geschmack des Getränkes sich in seinem Mund entfaltete: erst süß, dann bitter, dann wieder fruchtig. Die meisten Empfindungen konnte er nicht einordnen.
"Damals hat mich Syke dazu eingeladen! Sie war temperamentvoll, fast ein wenig verrückt. Von einem Moment zum anderen konnte sie vom Vulkan zur Eiswüste werden. Ich wußte nie so recht, woran ich bei ihr war - nur eines war sicher. Sie war ziemlich eifersüchtig auf andere, die sich mit mir beschäftigten", murmelte Lando selbstvergessen und sah Luke dann an.
Der Jedi lächelte wissend. Sicherlich meinte Lando mit Syke eine seiner verflossenenen Geliebten. Immerhin war er ihnen allen als Frauenheld bekannt, und selbst Leia hatte er zunächst mit seinem Charme becircen wollen. "Und Syke war eine verdammt lausige Pilotin und Sabacc-Spielerin, aber auf der anderen Seite konnte sie meisterhaft mit ihrem Blaster umgehen. Was sie tat, das geschah mit Leidenschaft." Luke spürte Bedauern und Trauer, als sein Freund verstummte. "Und dann kam dieser verdammte Abend. Ich habe sie, nachdem wir diese Bar verließen, aus den Augen verloren und nie wiedergesehen."
"Warum?"
Lando rieb sich die Schläfen und seufzte. "Ich kann mich nicht mehr richtig erinnern, was genau geschah. Nur an das: Wir hatten einige einfältige Jasridium-Händer reingelegt und den Erfolg gefeiert. Ich muß wohl einen über den Durst getrunken haben, und fand mich auf einer Straße am Raumhafen wieder. Syke war nirgends zu finden - ich habe sie nicht aufspüren können, obwohl ich nach ihr suchte."

Schließlich waren die Gläser leer. Lando warf einen Blick auf das Chronometer. "Wann wollten Han und Leia im Raumhafen landen?" wechselte er abrupt das Thema, nachdem er längere Zeit von Syke, einer früheren Partnerin erzählt hatte. Luke hatte ihm aufmerksam zugehört und kaum etwas dazu gesagt. Er seufzte verhalten. Manchmal tat es gut, sich mit einem Freund auszusprechen, auch wenn der Grund eher lächerlich war. Es zu sein schien. Syke hatte ihn von allen seinen "Eroberungen" am meisten beeindruckt, und er schien Luke ein plastisches Bild vermittelt zu haben.
"Um 7.12.30", stellte der Jedi nach einem Blick auf das Chronometer fest. "Wir müssen jetzt langsam aufbrechen, um rechtzeitig an den Docks zu warten!" Er deutete auf den Ausgang.
Lando warf dem Barkeeper noch ein paar Münzen zu, ehe er sich ebenfalls umdrehte. Luke wartete schon am Fuß der Treppe auf ihn. 'Er bewegt sich lautlos wie ein Schatten!' dachte der Glücksjäger und stockte, weil ihn ein leichtes Schwindelgefühl erfaßte. Es war wenige Augenblicke später verschwunden. "Gehen wir und holen sie ab!" meinte er leichtfertig.
Seite an Seite stiegen sie die Treppe hoch. Zwei Humanoide wichen ihnen aus, als sie die Außentür erreichten, die sich mit einem lauten Brummen öffnete. Die kühle Herbstluft schlug ihnen entgegen - eine Wohltat nach der verrauchten Atmosphäre der Cantina.
Lando zuckte plötzlich zusammen. Ein warnendes Gefühl durcheilte ihn, als er die Schwelle überschritt. Er erlebte das nicht zum ersten Mal, aber es war nun zu spät, etwas zu unternehmen! Für ihn - und Luke!
Schlagartig veränderte sich die Umgebung um sie herum. Wo vorher dreistöckige Häuser gewesen waren, befanden sich nun ebenso hohe Bäume mit weitausladenden Kronen. Lederartiges Gras reichte ihnen bis fast zu den Hüften.
"Oh nein!" murmelte Lando. Unzusammenhängende Gedankenfetzen rasten ihm durch den Kopf. Er wußte plötzlich: So hatte er Syke verloren! Damals hatten sie den gleichen Drink genossen und waren in den Urwald versetzt worden! Oh ja, diese Gegend kam ihm nicht besonders friedlich vor!
Er zog seinen Blaster aus dem Holster und drehte sich einmal im Kreis, während sich auf Lukes Gesicht Entsetzen abzeichnete und wie aus einer Trance hochschrak. "Die Macht! Ich habe keinen Zugang mehr zu ihr!" murmelte der Jedi leise.
Lando lief es kalt den Rücken herunter. Verdammt! Gerade hier, in dieser Hölle waren alle Fähigkeiten vonnöten, um sich lebend durch den Dschungel durchzuschlagen!
Luke sah ihn an. Was wohl nun in dem Mann vorgehen mochte? Seit Lando ihn kannte, war Luke Skywalker ein Jedi gewesen, ein Mann, der mit der Macht lebte. Wie mochte es sein, den Zugang dazu verloren zu haben?
Das konnte er ihn später fragen! Ärgerlich ermahnte sich Lando, auf die Umgebung zu achten. Die Lichtung auf der sie standen war nicht besonders groß. Das Blätterdach überschattete sie und ließ die beiden roten Sonnen des Planeten seltsame Muster auf ihre Kleidung malen.
Noch hatten sie sich nicht von der Stelle gerührt. Lando machte einen Schritt nach vorne, aber der gewünschte Effekt, zurücktransportiert zu werden, setzte nicht ein ... Was erwartete er auch?

Luke sah sich um. Die vertrauten Empfindungen fehlten und er wußte nun nicht, ob er glücklich oder verzweifelt darüber sein sollte, keinen Zugang zur Macht mehr zu finden. Die Vertrautheit der etzten Jahre war mit einem Mal geschwunden, und nun sah, hörte und spürte er nicht anders als ein normaler Mensch. Vermutlich war das nur ein vorübergehender Zustand - den er so hinnehmen mußte. Seine jetzige Situation verlangte anderes Denken.
Die Umgebung erinnerte ihn an Bilder, die er in den Datenbanken über diesen Planeten hatte finden können. Wenn er sich recht erinnerte, befanden sie sich in einer der Dschungelregionen, die Nord- und Südhälfte des Planeten wie einen Gürtel voneinander teilte. Nur, wie hatten sie es geschafft, hierhin zu geraten? Bevor sich die Umgebung verändert hatte, so erinnerte er sich, hatte er ein Reißen und Zerren in der Macht gespürt. Aber eines irritierte Luke jetzt: Es war totenstill. Von Dagobah wußte er, daß das nicht sein durfte. Dschungel lebte! Selbst auf Tatooine, in den einsamsten Wüstengegenden, in die sich nicht einmal die Tusken verirrten, waren immer Geräusche zu hören, und wenn es nur das Summen aneinanderreibender Sandkörner waren. Er trat gegen das Gras. Nicht einmal Rascheln war zu hören.
Lando neben ihm murmelte etwas Unverständliches. Der ganze Körper des Freundes war angespannt. "Wir sollten hier schleunigst verschwinden", meinte er plötzlich und packte Luke am Arm. Seine Heiterkeit hatte der Sachlichkeit Platz gemacht, der immer dann auftrat, wenn die Lage ernst wurde.
Im nächsten Moment riß Lando Calrissian ihn von der Lichtung weg. Kaum waren sie zwischen den Bäumen angelangt, brach die Geräuschkulisse ihrer Umgebung wie ein Wasserschwall über sie herein. Hinter ihnen peitschten ledrige Grashalme auf den Boden und gegeneinander.
"Was war das?" fragte Luke atemlos.
"Ich weiß es nicht genau!" Lando wischte sich Schweißperlen von der Stirn, aber die Lichtung kam mir gleich so komisch vor! Wir sollten besser Abstand gewinnen. Ich weiß nicht, ob sich der Grasteppich nicht vielleicht doch bewegt..." murmelte er. Luke blickte über die Schulter zurück. Noch immer zuckten die Halme wie Tentakel.
"Du hast Recht. Wir sollten von hier verschwinden. Aber in welche Richtung?" Er sah nach oben. "Über uns sind die Bäume. Wir könnten uns nicht einmal nach dem Sonnenstand orientieren."
"Leider sind wir nicht für eine Dschungelexpedition ausgerüstet. Oder trägst du immer einen Kompaß bei dir? Es gibt nur einen Weg: Versuchen wir es mit dem Zufall und Glück! Vielleicht finden wir irgendwo eine menschliche Ansiedlung oder Vergleichbares", murmelte Lando sarkastisch vor sich hin und hob einen Arm. "Da lang!"

Sie stampften durch das Unterholz, immer wachsam auf die Vegetation und Tiere achtend, die sich möglicherweise darin versteckten. Rascheln und Knacken, die Laute von Baum- und Erdbewohnern umgaben sie und ließen die beiden Wanderer unter ständiger Anspannung stehen.
Lando schwitzte. So gut erinnerte er sich wohl doch nicht mehr, denn das, was in seinem Geist auftauchte, waren wirre Erinnerungsfetzen, in denen Syke eine große Rolle spielte. Die Umgebung erkannte er nicht wieder - aber was gab es da auch schon zu erkennen? Dschungel veränderte sich mit jeder Hell-Dunkel-Periode, das hatte er schon als Junge gelernt.
Lando wich im nächsten Augenblick einer Schlange aus, die sich von einem moosüberwucherten Ast fallen ließ und machte Luke auf das rötlich gefleckte Reptil aufmerksam, das sich auf ihn zuschlängelte. Der ehemalige Wüstenbewohner trat das Tier beiseite, ehe es zuschnappen konnte.
'Seine Reflexe sind gut!' dachte Lando zustimmend und blickte wieder nach vorne. Wieviele Standardstunden sie schon durch den Dschungel irrte, wußte er nicht. Der Sonnenstand hatte sich nur wenig verändert, so wie er beurteilen konnte. Mit Sicherheit waren Han und Leia schon längst gelandet und suchten sie verzweifelt.
Natürlich hatte keiner von ihnen an einen kleinen Sender gedacht - außer Geld und ihren Waffen trugen sie nichts bei sich, wie sie bei einem Check ihrer Ausrüstung festgestellt hatten.
Lando schob mit der umhangumwickelten Hand ein paar lange Farnblätter beiseite. Wie Luke hatte er das hinderliche Kleidungsstück zweckentfremdet und schützte sich damit vor möglicherweise giftigen Pflanzensäften und Harzen.
Plötzlich blieb Luke neben ihm stehen. "Ich habe etwas entdeckt!" sagte er betont leise. Lando verstand. Er drehte sich fast lautlos in die Richtung, in die sich Luke vorbeugte, und starrte wie dieser auf die kleine Lichtung vor ihnen. Das einzig besondere an ihr war die Feuerstelle, in der noch die Glut schwelte.
"Hier war jemand!" entfuhr es ihm. 'Wie einem kleinen Jungen', ärgerte er sich im nächsten Moment. Aber seine Neugier war geweckt. So trat er einfach aus der Deckung. Vielleicht war es Leichtsinn - aber hier im Dschungel, der, wie er sich erinnerte, keine halbintelligenten Lebensformen beherbergte, war es albern, weiter Versteck zu spielen.
Luke wollte ihn mit einem warnenden Blick zurückhalten. Nichts oder niemand war von der Feuerstelle aus zu sehen, bis er hinter den Baumstamm - und genau in die Mündung eines Blasters starrte. Dahinter wurde ein blasses, verschmutztes Gesicht mit einer verfilzten weißblonden Lockenmähne sichtbar.
Lando schnappte nach Luft und wich langsam wieder zurück. "Syke?"
Die Frau folgte seinen Bewegungen. Seit er sie zum letzten Mal gesehen hatte, hatte sie sich nicht viel verändert. Ihr violetter Overall war schmutzig und verschlissen, ein paar Kratzer und eine menge Dreck zierten ihre Gliedmaßen - aber sie war immer noch so, wie er sie in Erinnerung hatte.
"Calrissian, du verlauster Wookietreiber! Wo hast du dich die letzten Monate herumgetrieben? Wolltest mich wohl im Dschungel sitzen lassen!" zischte sie.
"Monate?" echote Lando verwirrt. "Monate?"
Etwas stimmte hier nicht. Es waren Jahre. Mehr als zehn Jahre! Aber sie das zu fragen, hatte er keine Zeit. Er hob die Hände betont langsam und setzte ein entschuldigendes Lächeln auf, dann den treuen Hundeblick, der bei Syke immer gewirkt hatte. Diesmal jedoch nicht.
"Ich habe die Tage gezählt, und mir an jedem vorgestellt, wie ich dich umbringe, seit du einfach verschwunden bist."
"Syke!" Lando legte einen eindringlichen Ton in seine Stimme. Wo blieb Luke? Die junge Frau vor ihm schien nicht mehr ganz bei Sinnen zu sein. Ihr Blick war von Irrsinn und Rachsucht verschleiert, während ihr Körper zitterte. "Du verstehst das nicht! Wenn ich einfach so abgehauen wäre, dann ... hätte ich dich nicht vergessen. Ich weiß nicht, wie und warum ich den Dschungel verlassen habe. Glaube mir..."
"Du lügst doch nur, um mich einzuwickeln. Hast dich nach ein paar Monaten an dein Liebchen erinnert!" keuchte sie mit kratziger Stimme. Ihr Finger berührte den Abzug.
In diesem Moment sprang ein schwarzer Schatten aus dem Blätterwald und traf die junge Frau an der Schulter. Sie wurde durch den Aufprall zurückgeschleudert, während ein kränklicher Energiestoß aus ihrer Waffe in der Luft verpuffte. Luke schleuderte sie gegen einen Baum und entwand ihr die Waffe, während Lando heransprang, Sykes Handgelenke umfasste und sie sanft gegen den Stamm drückte.
Sie wollte zutreten, aber das verhinderte er, indem er sich so nah an sie stellte, daß sie sich nicht rühren konnte. Syke bäumte sich auf und kreischte. "Du mieser Sklaventreiber von Kessel. Ich drehe dir den Hals um! Ich..." Plötzlich hielt sie still und starrte ihn mit durchdringendem Blick an. "Dann sag mir, was geschehen ist, und warum du diesen Kerl mitgebracht hast. Ist er dein neuer Partner?"
Lando lockerte den Griff und wich einige Fingerbreit zurück. "So kann man es sagen. Wir sind gekommen, um dich zu holen", pokerte er nun, weil er spürte, daß Sykes Ruhe gespielt war. Dann ließ er sie ganz los und wich zu Luke zurück, der abwartend dastand und das ganze beobachtete. Syke grollte, wischte sich vermeintlichen Dreck von den Armen und stützte die Hände in die Hüften.
"Also, ein paar verrückte Jungen haben mich aus dem Dschungel geholt, und mich dazu gezwungen, ihnen bei der Bergung von ein paar Edelsteinen zu helfen - als Dank für die Rettung sozusagen."
Er ärgerte sich selber über die erbärmliche, aber durchaus realistische Lüge. "Erst jetzt konnte ich einen Gleiter chartern, um dich herauszuholen! Das hier ist mein Pilot."
Syke grinste schief. "So? Ich habe keine Gleitertriebwerke gehört. Laß dir etwas besseres einfallen!" knurrte sie und überkreuzte die Arme vor der Brust.
"Wir sind ein paar Stunden weiter südlich gelandet", verteidigte sich Lando. Wieder huschten Erinnerungsfetzen durch seinen Kopf. "Unser Versteck ist doch nicht weit. Laß uns da weiterreden, okay?"
Syke wirkte skeptisch. Dann aber zuckte sie mit den Schultern. "Also gut Jungs. He, Kleiner, nimm meinen Blaster mit, er liegt zu deinen Füßen", knurrte sie Luke an.

Luke blieb weiterhin der stille Beobachter, während Lando und Syke sich miteinander unterhielten und stritten. Der Freund hatte mit seiner Erzählung in der Bar recht gehabt. Sie war temperamentvoll und direkt - eine Frau, die zur Schmugglerin geboren war. Aber er ließ sich nicht von ihr ablenken. Seine Augen wanderten immer wieder umher, sondierten die Umgebung und die junge Frau selber.
Ihre seltsame Zeitangabe hatte ihn stutzig gemacht. Nur Monate sollten vergangen sein? Zwar konnte sich Syke arg verschätzt haben - aber sie sah noch immer wie eine junge Frau von Anfang Zwanzig aus, Kleidung und Blaster waren so weit abgenutzt, wie es eine Zeitspanne von ein paar Monaten mit sich brachte.
Er fragte sich, ob die Zeit hier anders verlief, und mehr als zehn Jahre an diesem Ort nur ein paar... Ein Blick zu den Sonnen bestätigte ihm, daß die Zeit hier anders verlief - noch immer stand sie ziemlich hoch.
"Wir sind da!" lenkte ihn Sykes Stimme ab. Die junge Frau kletterte in einen kleinen Talkessel hinunter, der fast gänzlich von einer Quelle eingenommen wurde. Ein Wasserfall verdeckte die Höhle, die von oben schwer zu erkennen gewesen war. Lando schien diese Umgebung zu kennen. Er folgte ihr unvoreingenommen und streckte seine Hände aus, um von dem Wasser zu trinken, daß kaskadenartig den Fels hinunterschäumte.
"Ah, tut das gut", murmelte sein Freund, als er sich erfrischt hatte. Nun wusch auch Luke sich das Gesicht und trank ein paar Schlucke. Noch immer betrachtete er das kühle Naß als etwas Besonderes und kostete jeden Tropfen andächtig. Sie schmeckte würzig und rein und hinterließ einen erfrischenden Nachgeschmack. Luke wusch sich auch das Gesicht.
"Ja, das Wasser ist hier wirklich gut", meinte Syke etwas ruhiger zu ihm und lächelte Luke an.
"Das Brackwasser in den Pfützen auf dem Waldboden ist hingegen verseucht.", erklärte sie. "Dort in der Höhle hinter dem Wasserfall ist auch ein idealer Lagerplatz, frei von Insekten und wilden Tieren. Nicht wahr Lando?" Ein anzüglicher Ton lag in ihrer Stimme. Calrissian grinste. "Natürlich."
Luke betrat hinter dem das Versteck, daß Syke sich mit den, zur Verfügung stehenden Mitteln eingerichtet hatte. Ein paar Matten bedeckten den Boden und dienten wohl auch als Verschluß für die natürlichen Fenster. Es roch ein wenig bitter und ranzig zugleich. Der Jedi setzte sich vorsichtig auf eine Matte und begutachtete die primitiven Schalen und Werkzeuge, die auf einer Erhöhung herumlagen. Selbstvergessen griff er nach einer violetten Frucht und biß hinein. Als der Saft in seinen Mund rann und in die Zunge biß, erstarrte Luke. Der Geschmack erinnerte ihn an etwas. Er erzeugte daß gleiche ...
"Jetzt schenkt mir reinen Wein ein", fragte Syke laut, die sich ihnen gegenüber gesetzt hatte und spielte unruhig mit ihrer alten Waffe. "Wie seid ihr hierher gekommen? Lando, du bist zwar ein Gauner und Schwindler, aber kein Narr. Du hättst dich entsprechend ausgerüstet, wenn du mit einem Gleiter in den Dschungel gekommen wärest!"
Lando betrachtete sie aufmerksam und bedauernd. In seinem Gesicht arbeitete es. Dann setzte er zum Sprechen an. "Ich ... wir sind auf dem gleichen Wege wie damals an diesen Ort gekommen!"
Plötzlich stockte der dunkelhäutige Mann und verzerrte das Gesicht. Er stöhnte und krümmte sich zusammen, als habe er heftige Schmerzen. Luke ließ die Frucht fallen und packte den Freund an den Schultern. Verdammt! Hatte ein Reptil oder ein Insekt Lando gebissen oder war Pflanzengift auf seine nackte Haut gelangt? Ein heftiges Schwindelgefühl ergriff ihn, und versichtete sich zu einem Schmerz hinter den Augen. Luke blinzelte. Seine Sicht verschwamm.
"Ihr verdammten Lügner! Nehmt mich mit!" kreischte in diesem Augenblick Syke wütend auf, stürzte nach vorne und versuchte sie zu packen, aber mehr als eine sanfte, fedrige Berührung brachte sie nicht zustande, ehe ihre Hand abrutschte.
Vor Lukes Augen verschwamm die Umgebung - langsam, fließend, wie öliger Schleim. Einen Moment glaubte er sich wieder in einem Bacta-Tank, doch dann atmete er die metallisch riechende Luft innerhalb eines Raumschiffes und blickte in das Gesicht seiner Schwester.
Leia beugte sich mit besorgten Augen über ihn. "Gut", flüsterte sie. "Der Saft der Frucht hat gewirkt. Du bist wieder bei Sinnen!" Ihre schmalen Hände stützten ihn, als Luke sich aufsetzte. "Was habt ihr nur getan?" fragte sie dann, etwas ernster.

Als Lando wieder zu sich kam, stand sein Körper in Flammen. Oder besser - jede Faser in ihm schmerzte heftigst, und er hatte das Gefühl, sich jeden Knochen gebrochen zu haben. Und zu allem Übel kam noch dazu: Ein Summen drang an sein Ohr, daß sich zu einer männlichen Stimme verdichtete, die manchmal von einem Heulen und Brummen übertönt wurde.
"Chewbacca, he! Na endlich ... er ist wach. Nun, Lando Calrissian, ich muß sagen: du bist ein Idiot!"
Lando riß die Augen auf und stöhnte, als ihm das Licht einer Lampe genau in die Augen schien. Dennoch zwang er sich, sie wieder zu öffnen und Han finster zu mustern. Nicht einmal sein bester Freund nannte ihn ungestraft Idiot. Mit einem schadenfrohen Grinsen, beugte sich Han über ihn.
"Selbst du alter Gauner machst manchmal ziemlich dumme Fehler. Der hier hätte dich das Leben kosten können! Chewabacca mußte dich leider etwas unsanft paralysieren, als du im Begriff warst, dich in einen alten Brunnen zu stürzen."
Lando wollte ihn etwas böses entgegnen, aber aus seiner Kehle kam zunächst nur ein Krächzen. "Ja, fluch nur, aber du hättest wissen müssen, daß manche Drinks üble Nebenwirkungen haben, vor allem die gewisser Planeten", erklärte Han genüßlich. Er verzog das Gesicht, als Lando hart sein Handgelenk umklammerte.
"Wie kommst du da...rauf. Wie geht es Luke ... und Syke", schaffte es Calrissian endlich hervorzupressen. Sein Schmugglerfreund runzelte die Stirn.
"Luke geht es, den Umständen entsprechend gut. Er ist noch etwas benommen, aber er ist schon wieder auf dem Damm und hat uns alles erzählt. Dich hat es dank Chewie etwas schlimmer erwischt. Tja, eine Frau namens Syke war allerdings nicht bei euch, da muß ich dich enttäuschen."
Lando schreckte hoch. "Ihr müßt sie finden!" stöhnte er. "Das bin ich ihr schuldig!" Han drückte ihn wieder zurück. "Später."

Leia reichte ihrem Bruder ein Glas mit einer milchigen Flüssigkeit, nachdem sie seiner Erzählung aufmerksam gelauscht hatte. "Trink das aus. Winter sagt, das hilft gegen Kopfschmerzen und Schlimmeres." Luke gehorchte und nippte daran, verzog das Gesicht ob der bitteren Flüssigkeit, während Leia den Kopf schüttelte.
"Ich weiß, daß das nicht so gut schmeckt, wie gewisse Drinks, aber es wird dich wieder auf die Beine bringen."
"Wie habt ihr uns gefunden?" fragte Luke dann mit krächzender Stimme, die aber immer mehr an Kraft gewann.
"Nachdem ihr euch nicht am Raumhafen eingefunden hattet, suchten wir einige der Kaschemmen am Hafenviertel ab. Han kannte die einschlägigen Kneipen, von denen Lando erzählt hatte, und wir wurden sehr rasch fündig. Der Barkeeper erzählte uns, daß ihr zwei besondere Drinks, die 'Synor-hadyn' bei ihm bestellt hattet, was ihn sehr wunderte, weil er bei fast allen Außenweltlern üble Nebenwirkungen hat, vor allem, wenn draußen der Sydrasti-Wind weht, wenn die Samenpollen einer berauschenden Pflanze in der Luft verteilt werden. An sich sind diese ziemlich harmlos, aber im Zusammenhang mit den alkoholisierten Früchten des gleichen Baumes eine üble Droge. Kurzum, als beide Komponenten aufeinandertrafen, habt ihr jeden Bezug zur Realität verloren... und irrtet ohne Verstand in der Stadt herum. Es war euch ein Bedürfnis euch in der Dunkelheit zu verkriechen - glücklicherweise konnten wir euch mit Hilfe einiger Einheimischer aufspüren..."
Luke nickte, während Leia seinen Blick suchte und weitersprach: "Leider scheint eure Begleiterin nicht so viel Glück gehabt zu haben. Einer der Einheimschen fand vor zwei Jahren die mumifizierte Leiche einer weißhaarigen Frau in einem der Filtergitter der Kanalisation. Fast wäre das auch euer Schicksal gewesen..."

Lando stützte das Kinn auf eine Hand. "Unser Leben ist voller Gefahren. Da vernichten wir Todessterne, bekämpfen riesige Flotten des Imperiums, aber die wahren Gefahren, die unser Leben bedrohen, liegen in kleinen, harmlosen Dingen, in unserer eigenen Leichtsinnigkeit..."
"An dir ist ein Philosoph verlorengegangen!" meinte Han trocken aus dem Pilotensessel, während Luke zustimmend nickte. Lando musterte beide, ehe er sich abwandte und auf den Planeten unter sich blickte. 'Ich bedauere nicht, daß ich diesen unsinnigen Fehler ein zweites Mal begangen habe, nur daß ich Syke nicht helfen konnte. Sie wird auf ewig in dieser Traumwelt gefangen sein...', dachte er melancholisch. 'Aber ich sollte nicht ewig und drei Tage darüber nachdenken. Es ist vorbei.'
Mit einem Ruck hob er seinen Kopf. "Sollten wir nicht in drei Tagen auf Coruscant sein?" meinte er dann, als sei nichts geschehen.
Han blickte ihn irritiert über die Schulter an. Lando zog eine Augenbraue hoch. "Komm, nun bring das gute alte Mädchen heil und gesund nach Hause, wie auch uns!" riet Calrissian ihm, und dachte zum letzten Mal an Syke. "Ich kann diesen verdammten Planeten nicht mehr sehen!"
Han sparte sich eine weitere, zynische Bemerkung und aktivierte dann den Hyperantrieb. "Ist schon so weit. Mal sehen, was uns in der Zukunft erwartet."
"Abenteuer und Gefahren, aber auch neue Erkenntnisse!" murmelte Luke. Keiner widersprach ihm...

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