Diese Geschichte ist eine reine Fanpublikation und dient keinen kommerziellen Zwecken. Alle Rechte für Star Wars liegen bei Lucasfilm Ltd.

»Dieser Text stammt ebenfalls von 1994, einem Zeitraum, wo ich mich durch neue Freunde auf intensive und kreative Weise mit der Saga auseinander gesetzt habe. Dies hier ist wieder eine ruhige Geschichte, die an das Ende von ROTJ anschließt und einen verwirrten Jedi bei der Entscheidungsfindung begleitet.«

Linda Budinger

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Mara Jade
Mit freundlicher Genehmigung von Linda Budinger ©

Wege der Macht


Eine Star Wars Fanfiction von Linda Budinger


Luke Skywalker schob das Steuer um eine Idee weiter nach vorne. Leicht setzte sein X-Wing auf dem mageren Boden des Planeten Kor auf.
Der junge Jedi befand sich auf dem Rückflug aus dem Dagobah-System. Nach dem Sturz des Imperators hatte er sich für einige Zeit auf den Planeten seines alten Lehrmeisters Yoda zurückgezogen. Es gab vieles, über das er sich dort klar werden wollte. Sein weiteres Leben und seine Verantwortung als letzter Jedi waren nur einiges, worüber er sich Gedanken machen musste.
Auf dem Sumpfplaneten waren keine großen Entscheidungen gefallen, aber die machtvolle Atmosphäre Dagobahs hatte einen beruhigenden Einfluss auf Lukes aufgewühlte Emotionen gehabt. Auch seinem Körper hatte sie neue Energien zugeführt.
Eigentlich hatte Luke schon früher zurückkommen wollen, so wie seiner Schwester Leia versprochen. Doch er fühlte sich noch nicht bereit dazu. - Wenn er ehrlich war, auch jetzt noch nicht. Wahrscheinlich war dies der ausschlaggebende Grund für sein Zögern. Luke hätte von Dagobah aus sofort zu seinen Freunden fliegen können, aber irgendetwas in ihm sträubte sich dagegen. So war er während der vergangenen Tage durch den Weltraum vagabundiert, ohne erkennbares Ziel vor Augen. Ein wenig pflichtvergessen fühlte er sich schon, wenn er an das gegebene Versprechen dachte.
Während er seine Gurte löste und das Verdeck des kleinen Jägers hochklappte, kehrte er geistig zu vergangenen Tagen zurück. Früher war es ihm wichtig gewesen, seinen Platz zu kennen, seine Stellung auch gerade unter seinen Freunden in der Rebellion. Aber mehr und mehr hatte er sich von dem Gedanken eines militärischen Ranges entfernt. Heute fürchtete er regelrecht, in eine Hierarchie eingeordnet zu werden. Je weiter er den Weg eines Jedi beschritt, desto mehr entfernte er sich von seinen Freunden. Nicht von ihren Vorstellungen, und auch nicht von ihrer Freundschaft, doch ein wenig von ihrer Welt. Seine Erfahrungen waren so andersartig.
Er kletterte aus dem X-Wing. Wenn er nun zurückkäme als ein Jedi-Ritter, so erwartete man von ihm bei der Regierung vermutlich offiziell präsent zu sein. Luke dachte an die Neue Republik. Leia bedeutete sie so viel, aber ihm? War er der neuen Regierung etwas schuldig?
In seinen schlimmsten Vorstellungen stellten sie ihn auf ein Podest:der letzte Jedi.
Luke schüttelte sich. Er gehörte niemandem. Aber wo lag seine Verantwortung? War er für die Regierung Aushängeschild, Museumsstück oder Werkzeug? War er ein »mächtiger Verbündeter«, diente er als ein Verbindungsglied unterschiedlichster Kulturen? Sollte er Politik betreiben?
Das waren Perspektiven, die ihm zunehmend missfielen. In vielen Punkten waren er und Leia sich ähnlich, aber die unterschiedliche Erziehung der Geschwister hatte deutliche Spuren in ihrem Wesen  hinterlassen. Im Gegensatz zu Leia, die ausgebildete Diplomatin war, hatte er keinerlei Neigungen zur Politik. Er mochte es nicht, im Mittelpunkt zu stehen, er konnte keine Reden halten...
Mehr und mehr war er mittlerweile geneigt, sich selber zurückzunehmen, zu beobachten und die Dinge richtig fließen zu lassen.
Luke konnte den Einfluss Yodas an seiner Veränderung nicht leugnen. Der Jedi-Meister hatte seinen Schüler selten direkt etwas gelehrt, sondern ihn viel mehr dabei unterstützt, selber zu lernen. Luke hatte Beherrschung gelernt und Geduld, und er vermochte seinen Worten Gewicht zu verleihen. Doch er hatte auch erfahren, dass man sehr gut lügen konnte mit schönen Worten.  Kurz gesagt, fürchtete Luke in die Politik gezogen zu werden, und diese Angelegenheiten wollte er liebend gerne seiner Schwester überlassen. Ob sie das verstehen konnte? Er wusste es nicht, denn für Leia hatte die Welt immer ganz anders ausgesehen...
Luke ließ seinen Blick über die schwach bewaldeten Hügel von Kor schweifen. Hier gab es nicht viel, außer dunkelgrünen Nadelgehölzen: manche, die sich in die Höhe reckten, und andere, die über den Boden krochen. Eine kahle Welt, nur der Wind bewegte die Äste der Bäume. Noch war es Tag hier, aber Luke schätzte die Zeit bis zum Sonnenuntergang nicht mehr allzu lang. Er wollte hier übernachten. Genauso gut hätte er in seinem X-Wing schlafen können, im Weltraum und mit automatischer Steuerung. Aber ein Teil von ihm, vielleicht jener Junge, der auf einer Farm aufgewachsen war, liebte es, Abends an einem wärmenden Feuer zu sitzen und die Sterne vom Boden aus zu betrachten.
Während er dünnes, abgestorbenes Holz für sein Lagerfeuer sammelte, nahm er die Atmosphäre Kors in sich auf. Auch hier spürte er das Wirken der Macht, aber sie zeigte sich anders als auf Dagobah.
Vielfältig und urwüchsig war das Leben auf dem Sumpfplaneten. Aus unzählig vielen kleinen und größeren Quellen floss die Macht und vereinte sich zu einem gewaltigen Meer von Energie, das den ganzen Planeten überflutete. Genau wie ein Meer war die Macht dort aufgewühlt, unstet, unruhig, - voller Wandlung und Wechsel.
Hier auf Kor besaß sie ein anderes Erscheinungsbild. Sie ruhte fest im Grund des Planeten und bedeckte ihn so wie eine Wüste, deren Veränderung sich langsam, aber stetig vollzog. Luke kannte die Wüste – sie hatte sich in seine Haut gebrannt.
Vielleicht war es diese Ruhe gewesen, die Luke angezogen hatte. Fast war es ihm wie ein Ruf erschienen, vielleicht aber war es auch nur ein Echo seiner eigenen Wünsche. Er spürte die Macht, die genauso solide war, wie der Grund unter seinen Füßen. Er fühlte die subtilen Lebensströme von Pflanzen. Hier existierten keine Abgründe wie auf Dagobah, - kein Baum und kein Höhle voller Visionen. Eine leise Schwingung nur gab es, die Luke nicht so recht einzuordnen wusste.
Neugierig folgte er ihrem Verlauf. Vorbei an kahlen Stämmen, unter finsteren Bäumen kam er schließlich an eine Talsenke, durch die sich ein kleiner Bach schlängelte. Hier war die Emanation plötzlich stärker geworden, als habe sie sich in dem Tal gesammelt.
Ein kleiner Weg, fiel ihm ins Auge, er betrat ihn und gelangte kurz darauf zu einem Gebäude.
Die Hütte war halb in den Hang hineingebaut, aus abgesägten Holzstämmen errichtet. Der Weg führte zur Tür, und es gab eine weitere Abzweigung hinunter zum Wasser. Lose schlug die Türe im Wind.
»Hallo, ist hier jemand?« rief er, in der Hoffnung, den Bewohner der Hütte zu entdecken. Diese einsam gelegene Blockhütte erinnerte ihn sehr an Yodas kleines Kuppelhaus. Wer würde ihn hier erwarten? Überraschend heftig kam Luke der Gedanke, wie sehr er sich jetzt über Gesellschaft freuen würde. Eine Stimme hören oder einfach nur die Gegenwart eines fühlenden, denkenden Wesens erfassen, danach verlangte es ihn.
Luke trat auf die Türschwelle des kleinen Holzhauses. Das einzige Licht fiel durch die Ritzen in den Wänden und durch die nun halb geöffnete Türe. Es dauerte kurz, bis seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten.
Keiner antwortete seinem Ruf, niemand erwartete ihn hier. Nur ein schwacher Duft in der Luft: Harz, Rauch, Nadeln. Der Jedi trat ein. Auf dem einfach gezimmerten Tisch lag eine leichte Staubschicht. Luke ließ sich auf dem Holzstück nieder, das als Sitz diente. Es war glatt, fast poliert, so als habe jemand oft darauf gesessen oder lange.
Luke fühlte sich hinein in die Schwingung, die hier ihr Zentrum besaß. Ohne Zweifel hatte jemand an dieser Stelle gelebt. Seine Gedanken, Gefühle, sein Wesen hatte sich diesem Ort eingeprägt, aber die Spur, die dieses Geschöpf hinterlassen hatte, war kalt und so abgestanden wie der Rauch, der noch in der Luft hing.
Einsamkeit überfiel ihn und hastig erhob er sich, um diesem traurigen Ort zu entfliehen. Mit großen Schritten stürmte er hinaus und folgte dem Weg durchs Tal dem Wasser entlang, das über die Steine sprang. Nirgendwo mehr eine Spur von Leben. Nur noch die immer schwächer werdenden Schwingungen aus der Hütte.
Immer deutlicher sah Luke auf seinem Weg die Spuren des Verfalls.
Abgestorbene Bäume, umgefallen, von Käfern durchwühlt und faulig, bröselig auf dem Boden liegend. Mit einem Mal verwirbelte das alles zu einem trüben Gedankenstrom. Plötzlich war er sicher, dass der Bewohner dieser Einsiedelei inzwischen gestorben war. Er hatte hier gelebt, hatte sein Werk getan, - was auch immer das sein mochte - war ohne eine Spur vergangen. War das nicht ein Sinnbild für das Schicksal der Jedi-Ritter?
Luke blieb stehen. Wo hatte er nur sein gesammeltes Holz gelassen? Am Bach, vor der Hütte? Er vermochte es nicht mehr zu sagen. Langsam begann er dann wieder, Zweig für Zweig und größere Äste auf seinen Arm zu schichten. In die abgelegene Hütte wollte er auf keinen Fall zurück. Zu sehr trug sie den Stempel des Vorbesitzers. Tiefer und tiefer drang Luke in den Wald vor und bemerkte mit einem Mal, dass er sich verirrt hatte. So musste er sich am Rauschen des Baches orientieren, um den Weg zurück zu finden.

Eine Weile später saß der junge Jedi an einem prasselnden Feuer. Die harzigen Äste knackten und sprühten Funken in die Dämmerung. Gerade hatte er zu Abend gegessen und spürte noch den Geschmack des Konzentratriegels im Mund. Langsam wurde er dieser eintönigen Nahrung überdrüssig.
Was mochte, so fragte er sich, den Einsiedler bewogen haben, dieses stille Leben auf Kor zu wählen? War er freiwillig gegangen oder gezwungen gewesen. Hatte er Monate hier gelebt oder Jahrzehnte? Tiefe Verbundenheit mit diesem Unbekannten ergriff ihn und er fühlte sich allein: Der letzte Jedi! Wie das klang. Als wäre seine Art ausgestorben. Als sei er die letzte Frucht eines alten, verdorrenden Baumes.
Ein heller Schein am Himmel heischte seine Aufmerksamkeit. Eine Sternschnuppe. Mit der jetzt stark einsetzenden Dunkelheit wurde der Meteoritenregen immer deutlicher. Ein Schwall lichter Punkte fiel herab, glühte auf und erlosch.
Während Luke das Schauspiel betrachtete, entdeckte er abermals, wie sehr er sich einen Menschen wünschte, mit dem er dies alles teilen konnte. Er unterdrückte einen Seufzer. Nein, er war nicht einsam - er fühlte sich nur so. Er hatte viele Freunde. Er besaß eine Schwester und eine Aufgabe. Seine Freunde mochten nicht alles verstehen, von dem, was ihn bewegte, aber ihre Zuneigung galt ihm persönlich und nicht seiner Stellung. Er war nicht allein.
Seine düstere Stimmung legte sich zusehens. Vorhin war er davon ausgegangen, dass der Vorbesitzer der Hütte hier gestorben war und sich seine Überreste irgendwo auf dem Planeten befanden. Nun aber kam ihm eine andere Möglichkeit in den Sinn. Warum sollte der Einsiedler nicht einfach fortgegangen sein? Zurück, von wo er gekommen war?
Luke lehnte sich zurück und öffnete sich ganz der Schönheit des Sternenschauers. Er würde heimkehren, als Jedi-Ritter, aber vor allem als Luke.

© 2006 by M.Höfkes