Gespenster auf Schloß Faversham


Erstes Kapitel


In welchem wir Bekanntschaft mit den Favershams und ihrem Gast Roger Bentley, sowie einem Gespenst machen.

In Schloß Faversham tobte ein Gewitter. Es war langsam heraufgezogen und urplötzlich ausgebrochen. Von einem Augenblick auf den anderen war die heitere Gelassenheit eines gemütlichen Teenachmittags einem wütenden Orkan von der Sorte gewichen, die zwar zuerst nur scheinbar viel Staub aufwirbeln, dann aber doch weitreichende Folgen haben.
Natürlich fragen Sie sich jetzt, warum eine solche Entfesselung der Naturgewalten sich in einem so friedvollen und harmonischen Haushalt wie dem der Favershams zutrug. Nun, das will ich Ihnen ja gerade erzählen.
Es fing alles damit an, daß Miß Cynthia ihren augenblicklichen Freund, vielleicht sollte ich sogar so weit gehen zu sagen: ihren Verlobten, zum Tee mitbrachte. Er gehörte zu dieser Sorte Möchtegerngelehrten, die für alles eine Erklärung brauchen und am liebsten die Ordnung des Universums umkehren würden. Vom ersten Moment an empfand Lord Gizmore Faversham eine Antipathie gegen den schlacksigen jungen Mann mit dem dunkel-blonden Strubbelhaar, an dessen abgetragenem Tweedjacket, zu dem er Jeans trug, klar erkennbar war, daß er noch der lernenden und nicht der verdienenden Schicht der Bevölkerung angehörte, und somit eine potentielle Gefahr für das Vermögen des Lords bedeutete.
Was aber schwerer wog als die Jeans, war die Tatsache, daß Roger Bentley halber Amerikaner war! Seine Mutter hatte über den 'Großen Teich' geheiratet und seine ganze Jugend hatte Roger natürlich in den Staaten verbracht. Das er amerikanischer Staatsbürger war, teilte er Cynthias Vater sogar mit einigem Stolz mit. Obwohl, das mußte der Lord dann doch wieder zugeben, er hatte zumindest eine, im Sinne Lord Gizmores anständige Erziehung mitbekommen, was dann verhinderte, daß Cynthia darum gebeten wurde, von weiteren Treffen mit dem jungen Mann Abstand zu nehmen.
Lady Mirabelle Faversham war natürlich gleich Feuer und Flamme für diesen Burschen gewesen, der es geschickt verstand, seinen Charme auszuspielen, und so blieb dem ehrwürdigen Hausherrn nichts anderes übrig, als alleine die Stellung zu halten, und im wesentlichen zu tun, was seine Frau sagte. Die Bezeichnung 'Pantoffelheld', eine wenig schmeichelhafte Beschreibung, war nicht direkt passend für den Lord, es war nur eben so, daß er seiner Frau nicht widersprechen wollte, um ihr die gute Laune zu erhalten. Also schwieg er und litt stumm vor sich hin, die Teetasse in der einen und ein Sandwich, von dem er hin und wieder einen Bissen nahm, in der anderen Hand, wobei er seinen 'Feind' streng im Auge behielt. Cynthia war aufgekratzt und plapperte die ganze Zeit davon, wie aufregend das Leben in London doch sei, wie wunderbar die Universität und wie reizend die Dozenten wären. Kurz gesagt, sie redete viel und sagte wenig. Außer sie sprach von 'ihrem' Roger. Dann war sie mit solcher Begeisterung dabei, daß allen Zuhörenden, Roger eingeschlossen, Hören und Sehen verging. »Roger sagt, Roger denkt, Roger tut - und überhaupt ist Roger der Meinung, ..«
Ob es dem jungen Mann peinlich war, so himmelhoch gelobt zu werden, konnte der Lord nicht genau erkennen, aber er selbst hatte bald genug von den Hymnen seiner Tochter und stellte seine Ohren sozusagen auf Durchzug. Er hörte nur, was er wirklich hören wollte, der Rest rauschte einfach so an ihm vorbei, ohne den geringsten Eindruck zu hinterlassen. Dabei schaffte er es sogar, interessiert zu wirken, und niemand konnte ihm später vorwerfen, den Ausführungen seiner Tochter nicht mit der gehörigen Aufmerksamkeit gelauscht zu haben. Die anderen unterhielten sich angeregt miteinander, und es fiel nicht weiter auf, daß der Hausherr still dabeisaß. Lady Mirabelle redete für zwei und ihre Tochter auch, also kein Problem für die beiden. Nach einiger Zeit flocht Roger hin und wieder Bemerkungen in die Unterhaltung mit ein, und nach und nach gelang es ihm, während der Atempausen der beiden Frauen einige geistreiche Kommentare abzugeben.
Eine dieser Bemerkungen veranlaßte den Lord, aus seinem wohligen Dämmerzustand aufzuschrecken und mit einem leisen Klirren die Teetasse auf dem Tisch abzustellen. Die anderen drei sahen ihn erstaunt an, hatte er doch bis dahin recht abwesend gewirkt.
»Junger Mann,« der Lord legte die Betonung auf das erste Wort,»ich kann es nicht dulden, wenn Sie solchermaßen despektierliche Äußerungen in meinem Hause von sich geben, und ich erwarte eine sofortige Entschuldigung.«
Der Angesprochene war mehr als nur verwirrt, hatte er doch lediglich geäußert, daß er es amüsant fände, wie sehr die Engländer am Gespensterglauben festhielten, während es in der heutigen Zeit doch absolut bewiesen wäre, daß solche übernatürlichen Erscheinungen nichts als Hirngespinste seien.
Dies jedoch war im Hause Faversham ein heikles Thema. Jeder Schloßeigentümer, der etwas auf sich hielt, konnte mit größter Selbstverständlichkeit einen oder zwei geisterhafte Ahnen vorweisen, die auf irgendeine grauenhafte Art aus dem Leben geschieden waren und seitdem die nächtliche Ruhe der Schloßbewohner störten.
Selbstverständlich beherbergte auch Schloß Faversham ein solches Statussymbol innerhalb seiner Mauern, wenngleich es sich nicht oft dazu herabließ, die Familie mit seiner Anwesenheit zu ehren. Der Lord sah sich im Salon um, doch es taten sich keine Abgründe auf, um den Ungläubigen, der zu allem Überfluß auch noch Amerikaner war, zu verschlingen, der es gewagt hatte, auf solcherart respektlose Weise über den ehrenwerten Percy Fitzwilliam, Vierzehnter Lord Faversham, zu sprechen.
Allerdings, hätte er hinter die Wandvertäfelung blicken können, wären ihm vermutlich die Haare zu Berge gestanden. Denn obwohl Lord Percy es vorzog, nur zu besonderen Gelegenheiten in Erscheinung zu treten, besuchte er doch von Zeit zu Zeit die Familie, wobei er es sich dann in einem stillen Winkel des Geheimganges hinter der Salonvertäfelung bequem machte. Dort saß er auch oft und las in Büchern, die er sich ab und an aus der Schloßbibliothek besorgte. Besonders angetan hatte es ihm "Das Gespenst von Canterville" von Oscar Wilde, vermutlich weil das Buch von einem Schicksalsgenossen handelte; er hatte es bereits einhundertfünfundvierzig Mal gelesen.
Im allgemeinen war er ein umgänglicher Geist, doch als er die Schmähungen des jungen Mannes hörte, begann er zu kochen. Seine körperlosen Hände hätten gerne die Haare gerauft, aber da dies nicht möglich war, mußte er sich mit einem wütenden Schnauben und Augenrollen begnügen. Er schüttlte die Fäuste gegen den Unverschämten und schwor bittere Rache.
»Papa, ich bitte dich, wie kannst du nur so mit Roger reden!« Cynthia warf ihrem Vater einen beleidigten Blick zu und wandte sich dann, um Unterstützung heischend, an ihre Mutter. Diese zog es jedoch vor, zu schweigen, denn sie kannte ihren Gizmore. Wenn er sich einmal aufgerafft hatte, dann konnte ihn so schnell nichts stoppen. Außerdem mußte sie ihm Recht geben. Sie hatte natürlich auch Bekanntschaft mit dem Urahn ihres Mannes gemacht und schon vor Jahren den Entschluß gefaßt, daß, wenn man schon mit einem Geist unter einem Dach leben mußte, es ratsam wäre, ihn nicht zu reizen.
»Mutter? Willst du nichts dazu sagen?«
»Nein, Cynthia, deine Mutter sagt nichts, denn sie weiß, daß ich Recht habe. Und ich warte immer noch auf Ihre Entschuldigung, Mr. Bentley.«
»Sagen Sie doch Roger, das tun alle.«
Der Lord japste vor Entrüstung und ließ sich schwer in seinen Sessel zurückfallen. Da hörte doch wirklich alles auf. Nicht genug, daß dieser Flegel Lord Percy beleidigte, jetzt tat er ihm das gleiche an.
'Sagen Sie doch Roger.' Also, das war wirklich der Gipfel der Frechheit!
Roger schaute verwirrt von Cynthia zu ihrer Mutter und zum Lord, der immer noch schweratmend in seinem Sessel saß und ihn mit einem ärgerlichen Blick bedachte.
'Meine Güte, in was für eine Familie bin ich da nur geraten! Ich glaube, wenn ich in dieser Nacht ein Dach über dem Kopf haben will, muß ich mich beim alten Herrn entschuldigen, der schmeißt mich sonst glatt raus!'
Er räusperte sich, dann meinte er mit Zerknirschung in Stimme und Miene: »Ich bitte Sie untertänigst um Entschuldigung, Sir. Es war nicht meine Absicht sie zu beleidigen.«
Ein unwilliges Murmeln von Lord Gizmore, der nicht bereit war, seine Gewitterstimmung so schnell aufzugeben, und ein strahlender Blick von Cynthia und Lady Mirabelle waren Rogers Lohn, woraufhin er den Damen eine (fast) galante Verneigung zukommen ließ. Zwar tobte der Lord nicht laut durch den Salon, doch innerlich war der Orkan immer noch bei Stärke sieben.
Noch ein anderer war von Rogers Entschuldigung nicht zufriedengestellt, wohl weil er ahnte, daß keine Aufrichtigkeit dahintersteckte, sondern reiner Pragmatismus. Das Gespenst hatte sich, noch immer vor Wut bebend, in sein Refugium tief unten in den alten Verliesen des Schlosses begeben und plante seine Rache. Der Schnösel würde bestimmt über Nacht bleiben und Schlag zwölf sein blaues Wunder erleben. Vermutlich bekäme er das grüne Zimmer im Westturm, das war immer für Gäste hergerichtet.
Lord Percys rieb sich die Hände, naja, er hätte sich die Hände gerieben, wenn einem körperlosen Wesen so etwas möglich wäre, und lächelte finster vor sich hin. Endlich könnte er mal wieder eine - wie sagte man doch heutzutage? Ach ja, eine Show abziehen! Er war in den letzten Jahren etwas nachlässig geworden, aber das sollte sich jetzt ändern. Sein hohles Gelächter tönte durch die Dunkelheit der alten Gänge, als der Geist sich auf den Weg nach draußen machte, um sich einen Plan zurechtzulegen ...

Nach dem Tee hatte sich die Familie zerstreut. Cynthia und Roger machten einen Spaziergang im Park, Lady Mirabelle begab sich in die Wirtschaftsräume, um sich mit der Köchin für das Diner zu besprechen, und Lord Gizmore zog sich in die Bibliothek zurück.
Dort zündete er sich erstmal eine Pfeife an, dann nahm er ein Buch zur Hand und versuchte, sich zu entspannen. Leider war das völlig unmöglich. Jede Faser seines Körpers bebte noch vor Entrüstung, auch wenn die förmliche Entschuldigung Rogers ihn für den Moment besänftigt hatte. Er hoffte, daß Lord Percy sich in der Nähe des Salons aufgehalten hatte, denn wenn einer Cynthias Freund von der Existenz eines Schloßgespenstes überzeugen konnte, dann eben nur der Geist persönlich.

»Ich will ja nicht unhöflich erscheinen, Cynthia, aber kann es sein, daß dein Vater nicht mehr ganz richtig im Kopf ist?«
Entrüstet wies Cynthia diese Vermutung Rogers ab. Mit ihrem Vater sei alles in Ordnung, versicherte sie. Es sei eben eine Eigenart des Adels, auf angebliche Schloßgespenster Stolz zu sein, mehr nicht. Daher wäre ihr Vater äußerst empfindlich, wenn es um Lord Percys Geist ginge.
»Du meinst, alle diese Lords und Earls glauben an Gespenster?« Roger schüttelte den Kopf. »Und ich dachte, die einfache Landbevölkerung sei abergläubisch!«
Cynthia hängte sich bei ihm ein und meinte lachend: »Du solltest sie mal erleben, wenn Vater sein monatliches Dinner für die Familie und einige Freunde gibt. Dann geben sie am laufenden Band Gruselgeschichten über ihre jeweiligen neuesten Spukerlebnisse zum besten. Manchmal hätte ich mich am liebsten vor Lachen gekringelt, aber das kann ich meinen Eltern nicht antun. Vielleicht, wenn Papa sich bis übernächsten Dienstag beruhigt hat, kann ich dich zum Dinner mitbringen, dann erlebst du einmal richtig spleenige Leute. Meine Familie ist nämlich noch geradezu harmlos, natürlich nur im Vergleich mit den anderen.«
»Es wäre sicherlich eine gute Gelegenheit, den psychologischen Aspekt dieses Gebietes zu erforschen. Womöglich gelingt es mir, diese Wahnvorstellungen von Geistern aus ihren Köpfen auszumerzen. Das nenne ich doch einmal eine richtige Aufgabe!«
Falls ich es nicht bereits erwähnte, die beiden studierten Psychologie, und zwar mit Feuereifer. Besonders Roger stürzte sich mit großem Elan auf die Psychoanalyse und suchte ständig nach Möglichkeiten, sich auf diesem Gebiet zu profilieren. Die Begeisterung ihres Freundes ging auch auf Cynthia über und die beiden begannen schon Pläne zu schmieden, was sie mit den Ergebnissen ihrer Forschung in Hinblick auf ihr Studium anfangen konnten. Zum Glück für Roger konnte Lord Percy dieses Gespräch nicht mitverfolgen, sonst wäre ihm sicherlich eine noch schlimmere Nacht beschieden worden, als der Geist ohnehin plante.



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