Gespenster auf Schloß Faversham
Zweites Kapitel
In dem Dr. Sittingbourne auftritt, Roger eine unruhige Nacht verbringt und nach dieser hinter
ein Geheimnis kommen will.
Lady Mirabelle warf einen Blick auf den Speiseplan und nickte zufrieden. Sie konnte sich auf
die Köchin wirklich verlassen. Diese resolute Frau, von der Natur mit dem Format eines
mittleren Walrosses und einem ebenso robusten, wenn auch sonnigen Gemüt ausgestattet,
schaffte es, ein komplettes Festmenü innerhalb eines Tages zu entwerfen und zuzubereiten.
Außerdem hatte sie immer ein Auge auf die Finanzen und sorgte dafür, daß nicht mehr Geld als
nötig ausgegeben wurde.
Jetzt, da sie das Essen in den besten Händen wußte, konnte sich die Hausherrin in aller Ruhe
zum Dinner umziehen. Im großen Ankleidezimmer, das Lord und Lady Faversham aus Heizgründen
gemeinsam nutzten, stand sie dann etwa eindreiviertel Stunde unentschlossen vor dem Schrank,
verwarf eine Garderobe nach der anderen, und saß, nachdem sie sich für ein Kleid entschieden
hatte, noch einmal fast die gleiche Zeit vor dem Spiegel um ihr Haar zu ordnen.
Als ihr Mann den Raum betrat und zielsicher einen Anzug aus seinem Schrank holte, tupfte sich
Lady Mirabelle gerade noch etwas Parfüm hinter die Ohren, begutachtete sich abschließend im
Spiegel und begab sich dann in den Speiseraum. Dort kontrollierte sie die Sitzordnung und
Tischdekoration, zupfte noch hier und dort eine Serviette zurecht, oder rückte eine Gabel
einen Millimeter nach rechts oder links.
Dann warf sie einen zufriedenen Blick auf das ganze Arrangement und ging in den Salon. Dort
warteten bereits Cynthia und Roger, die beide weitaus weniger Schwierigkeiten bei der Wahl
ihrer Garderobe hatten, und nippten an einem Aperitif.
Sie unterhielten sich gerade über einige Bekannte Cynthias, die diese in London getroffen
hatte, als Lord Gizmore eintrat. Er warf einen Blick in die Runde und runzelte die Stirn, als
er Rogers Anzug einer kritischen Prüfung unterzog. Zumindest in der Wahl seiner Abendgarderobe
hatte der junge Mann Geschmack bewiesen und glücklicherweise auf seine Jeans verzichtet.
Lady Mirabelle und Cynthia waren wieder einmal begeistert und der Lord grummelte vor sich hin.
Er war geradezu erleichtert, als der Butler, dessen Name selbstverständlich James war,
ankündigte, daß Essen sei angerichtet. Er reichte seiner Frau den Arm und schritt voran in
den Speisesaal. Roger und Cynthia folgten den beiden, wobei der junge Mann sich ein Grinsen
nicht verkneifen konnte. Er kam sich fast vor, wie in einem dieser Filme, die zur
Jahrhundertwende spielten, als er hinter seiner Lordschaft und dessen Frau mit Cynthia am Arm
herstolzierte.
Die Herrschaften nahmen Platz und warteten auf die Vorspeise, als James leise eintrat und dem
Lord einen unerwarteten Besucher ankündigte. Mit einem entschuldigenden Blick erhob sich der
Hausherr und folgte dem Butler in die Bibliothek. Dort erwartete ihn sein Gast, es war
Dr. Sittingbourne, mit sorgenvoller Miene. Der Arzt der Familie hatte seine Praxis im
Städtchen Faversham, welches etwa eine Meile vom Schloß entfernt lag. Eigentlich war er ein
heiterer, rundlicher Mann Ende Fünfzig, den so schnell nichts aus der Ruhe brachte, doch
jetzt schien er ziemlich aus der Fassung zu sein.
Auf seiner Stirn standen Sorgenfalten und er fuhr sich nervös mit der Hand durch sein
dichtes, an den Schläfen bereits graues Haar, das ansonsten die Farbe von rotbraunem
Herbstlaub hatte. Er eilte durch den Raum, ergriff die dargebotene Hand des Lords und meinte
nach einer kurzen Begrüßung: "Verzeihen Sie, wenn ich beim Essen störe, aber es ist äußerst
dringend."
"Na dann mal los. Was ist passiert?"
"Ich fürchte, ich habe, als ich eben am Schloß vorbeifuhr, Lord Percy im Park gesehen. Ich
war auf dem Heimweg, als es geschah und zu Haus erfuhr ich von Mrs. Lionel, daß sie Besuch
haben. Da dachte ich, ich komme vorbei, um sie zu warnen."
"Ach, um unseren Besuch brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen. Wenn es nur das ist, was
Sie bei einem solchen Wetter aus dem Haus getrieben hat -"
"Sie hätten sehen sollen, was Lord Percy getan hat, dann würden Sie anders darüber denken.
Er war wie eine Furie, schmiß Blumentöpfe durch die Gegend und schien irgend etwas
auszuhecken."
"Er schmiß Blumentöpfe?"
"Ja, ich habe es selbst gesehen. Außerdem rückte er den Buchsbaumhecken des Labyrinthes zu
Leibe. Er hat mir richtige Angst eingejagt, mit seinen glühenden Augen. Ist irgend etwas
vorgefallen, das ihn verärgert haben könnte?"
"In der Tat hat unser Gast eine sehr unbedachte Äußerung getan, ich wußte nur nicht, daß Lord
Percy etwas davon mitbekommen hat. Doktor, ich spreche offen zu Ihnen: ich hätte nichts
dagegen, wenn er Roger Bentley eine kleine Lektion erteilen würde. Dieser Bursche ist für
meinen Geschmack etwas zu ungehobelt. Vielleicht bekommt er so etwas Respekt vor uns älteren
Leuten."
Dr. Sittingbourne zuckte mit den Schultern und meinte: "Es liegt selbstverständlich an Ihnen,
vielleicht haben Sie recht."
"Das habe ich ganz sicher. Und jetzt, wenn Sie wollen, leisten Sie uns doch Gesellschaft beim
Essen. Es ist immer genügend für eine Person mehr vorhanden."
Der Doktor nahm dankend an, tätigte jedoch einen kurzen Anruf nach Hause, um seine
Haushälterin davon in Kenntnis zu setzen, daß er erst später wiederkäme. Was immer
Mrs. Lionel, eine äußerst tüchtige Matrone, die dem Doktor tagsüber den Hauhalt führte, auch
davon halten mochte, ist leider nicht bekannt. Sicher ist, daß Dr. Sittingbourne die nächsten
Abende sein Essen fertig auf dem Herd vorfand, Mrs. Lionel aber schon nach Hause gegangen war,
und ihm nicht, wie sonst üblich Gesellschaft leistete. Man sollte eben eine Haushälterin nicht
unterschätzen, schon gar nicht wenn sie Mrs. Lionel heißt!
Auf Schloß Faversham gingen die beiden Männer, davon nichts ahnend in den Speisesaal, wo man
bereits sehnsüchtig auf die Rückkehr des Lords wartete, da der Geruch der Vorsuppe den
Anwesenden bereits das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.
Das Essen verlief mehr oder weniger friedlich, und alle lobten die Kunst der Köchin. Zum
Nachtisch ging man in den Salon und nahm dort auch noch einen Kaffee ein. Kurz nach zehn
verabschiedete sich dann der Doktor, mit der Einladung zum Dinner am übernächsten Dienstag in
der Tasche, und nach einer weiteren Stunde zog sich Lady Mirabelle für die Nacht zurück. Der
Lord saß noch mit einer Pfeife und einem Cognac am Feuer und las Zeitung.
Von Zeit zu Zeit warf er einen Blick auf Cynthia und Roger, die Schach spielten. Sie waren
voll und ganz auf das Spiel konzentriert und der Lord mußte zugeben, daß seine Tochter
zumindest keinen strohdummen Kerl mitgebracht hatte, sondern einen durchaus intelligenten
und aufgeweckten Burschen, der nur leider an einem übersteigerten Maß an Selbstbewußtsein litt.
Nichts, was man nicht kurieren konnte, dachte Lord Gizmore und verbarg sein Grinsen hinter
der Zeitung, als er an die Warnung Sittingbournes dachte.
Etwa halb Zwölf brachen die jungen Leute das Spiel ab und sagten gute Nacht. Cynthia brachte
Roger zu seinem Zimmer, und ging, nach einem züchtigen Gutenachtkuß auf die Wange, in ihre
eigenen Räume.
Roger blickte ihr versonnen nach und betrat dann sein Zimmer. Das heißt, er trat über die
Schwelle und tastete suchend nach dem Lichtschalter. Als er ihn anknipste, wich er mit einem
Keuchen zurück. Er hatte den Raum doch in völliger Ordnung verlassen und jetzt das! Das
Bettzeug war herausgerissen, seine Kleidung über den Fußboden verteilt und zu allem Überfluß
stand das Bett jetzt plötzlich da, wo sich vorher der Schrank befunden hatte.
'Einbrecher!' war sein erster Gedanke, doch dann verwarf er ihn wieder. Weshalb sollte ein
Dieb sich die Mühe machen, die Möbel umzustellen! Ein weiterer Gedanke schlich sich ein, doch
weigerte er sich, eine solche Absurdität zuzulassen. Es gab keine Gespenster, fertig, aus,
Schluß!
Roger seufzte, dann machte er sich daran, seine Sachen aufzusammeln und zurück in den Schrank
zu legen. Als er damit fertig war, machte er das Bett und zog sich um. Todmüde kroch er unter
die Bettdecke, faßte jedoch den Entschluß, wenn möglich wach zu bleiben, für den Fall, daß
der Übeltäter zurückkäme. Kaum das er lag, fielen ihm die Augen zu und kurze Zeit später
tönte vom Bett ein leises Schnarchen her.
Ding - Dong, zwölfmal schlug die Uhr in der Halle. Es war Mitternacht, und Ruhe hatte sich
über das Schloß der Favershams gesenkt. Erwähnte ich schon, daß Herbst ist? Falls nicht, hole
ich das jetzt nach. Also, es ist Herbst und die für diese Jahreszeit obligatorischen Nebel
wallten um das Gemäuer und hüllten die kahlen Bäume des Parks ein. Ein Käuzchen rief und im
Schloßgraben plätscherte es, als ein neugieriger Fisch die Nasenspitze aus dem Wasser hob, um
gleich darauf wieder unterzutauchen. Es war völlig windstill, aber trotzdem bauschte ein
Luftzug die Vorhänge in Rogers Zimmer, als seien sie von einem ganz eigenen Leben erfüllt.
Ein grünlicher Schimmer breitete sich im Raum aus, und im Zentrum dieses Lichtes manifestierte
sich die Gestalt eines hochgewachsenen Mannes Anfang vierzig, der im Stil des ausgehenden
18. Jahrhunderts gekleidet war. Lord Percy zupfte die Spitze, welche aus seinem rechten Ärmel
lugte, mit einer eleganten Bewegung zurecht und drapierte die rostigen Ketten, welche er im
Verlies durch Zufall entdeckt hatte, malerisch um die Schultern. Sodann fegte er ein
imaginäres Stäubchen vom Samt seines Ärmelaufschlages und wandte schließlich seine
Aufmerksamkeit dem Schläfer zu, dessen Ruhe er zu stören gedachte.
Ein triumphierendes Lächeln glitt über das geisterhafte Gesicht und die Augen glühten einen
kurzen Moment in einem satanischen Rot auf, als der Lord seinen Blick auf Roger richtete. Das
allein hätte vermutlich schon gereicht, den jungen Mann eines besseren zu belehren, wäre er
wach gewesen. Doch er schlief, wenn auch nicht gerade sanft. Anscheinend hatte ein Alptraum
sich seiner bemächtigt, denn er wälzte sich unruhig hin und her und seufzte tief.
Plötzlich fuhr er aus seinem Schlaf hoch und starrte mit weit aufgerissenen Augen in die
Dunkelheit. Er lauschte, doch nichts rührte sich. Dann jedoch fiel sein Blick in einen Winkel
neben dem Fenster, denn er glaubte, dort eine Bewegung gesehen zu haben. Ihm standen die
Haare zu Berge, als sich aus den Schatten eine Gestalt löste und auf ihn zu trat.
"Es gibt keine Geister, es gibt keine Geister..." Roger murmelte die ganze Zeit diese Worte,
während er auf das Gespenst starrte, das ihn aus roten Augen beobachtete. Er fuhr sich mit
der Hand über die Augen und zwinkerte, doch die Gestalt blieb, wo sie war. Seine Erstarrung
löste sich augenblicklich, als ein leises Wimmern von dem Geist kam, welches sich nach und
nach zu einem grausigen Heulen steigerte. Dann fing das Wesen auch noch an, mit den Ketten,
die ihm um den Körper geschlungen waren, zu rasseln und zu klirren. Kurz gesagt: es
veranstaltete einen Höllenlärm!
Was zuviel war, war zuviel! Roger sprang auf und raste zur Türe, nur um feststellen zu müssen,
daß abgeschlossen war. Er rüttelte am Griff, nichts rührte sich. Eine unglaubliche Kälte
machte sich im Raum breit und das Heulen des Gespenstes ging Roger durch Mark und Bein. Er
fuhr herum, entschlossen, dem Spuk ein Ende zu machen und tat das, was er für das einzig
vernünftige hielt, denn bekanntlich ist Angriff ja die beste Verteidigung.
"Hör endlich mit dem verdammten Krach auf! Das hält ja kein Mensch aus!"
Überrascht verstummte der Geist, ein fragender Ausdruck zog über sein Gesicht. Das hatte
bisher noch keines seiner Opfer gewagt! Er war immer sehr stolz auf seine Darbietungen
gewesen und nun so etwas!
"Kannst du nicht einmal etwas anderes tun, als nur herumzuheulen? Ich will endlich schlafen.
Also verschwinde!"
Gekränkt, und völlig aus dem Konzept gebracht, tat der Geist wie ihm geheißen. Mit einem
zufriedenen Lächeln ging Roger zurück ins Bett und war bald darauf eingeschlafen.
Lord Percy tobte durch die unterirdischen Gänge und verwünschte Roger Bentley. Es schmiß die
Ketten in eine dunkle Ecke, trat mehrere Male gegen die Wände und ließ seine Wut an einigen
unschuldigen Mauersteinen aus. Schließlich beruhigte er sich und setzte sich auf eine halb
vermoderte Streckbank. Es mußte doch eine Möglichkeit geben, diesem arroganten Kerl eine
Lektion zu erteilen. Vielleicht sollte er es zunächst mit den herkömmlichen Methoden
versuchen, wie Decke wegziehen, einen Fisch ins Bett legen und ähnliches, bevor er zu den
anspruchsvolleren Erscheinungen überging. Ja, genau das würde er tun. Der Geist schwebte
zurück zum Turm, bereit zur zweiten Attacke.
Die Decke rutschte langsam zu Boden, und mit einem unwilligen Schnauben griff Roger im
letzten Moment nach einer Ecke. Das war jetzt das vierte Mal in dieser Nacht, und mittlerweile
hatte er genug. Es gab natürlich für alles eine vernünftige Erklärung: er schlief einfach zu
unruhig, aber trotz allem fühlte Roger sich unwohl. Die ganze Zeit über hatte er das Gefühl,
von unsichtbaren Augen angestarrt zu werden, und er schreckte alle paar Minuten aus seinem
Schlaf hoch, weil er ein Murmeln an seinem Ohr zu hörte. Er weigerte sich immer noch, an die
Existenz eines Geistes zu glauben. Was er erlebt zu haben meinte, war schlicht und ergreifend
Einbildung gewesen, das Ergebnis eines Alptraumes, mehr nicht.
Aber dennoch konnte er sich einer Gänsehaut nicht erwehren und zog die Decke bis über die
Ohren hoch. Lord Percy unterdrückte ein Kichern, dann ging er über zu Plan B. Das Turmfenster
öffnete sich leise und eine kalte Brise stahl sich zwischen den schweren Vorhängen in den
Raum. Im Burggraben plätscherte es wieder und plötzlich fühlte ein Fisch sich jäh
emporgehoben und seiner natürlichen Umgebung beraubt.
Roger sprang wie von der Tarantel gestochen aus dem Bett, als er etwas
Glitschig-schleimig-kaltes an seinen Beinen spürte. Er riß die Decke zur Seite und sah voller
Abscheu auf den Fisch, der nach Luft schnappend und sich windend auf dem Laken lag.
Mit spitzen Fingern packte Roger das Tier und beförderte es zum Fenster hinaus. Dann erst
wunderte er sich darüber, daß die beiden Fensterflügel weit offen gestanden hatten. Er
kratzte sich am Kopf, aber auch das half ihm nicht beim Nachdenken. Offenbar hatte er es hier
mit einer äußerst ungewöhnlichen Situation zu tun.
'Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden... Was mache ich jetzt bloß? Es kann doch nicht
wirklich Geister geben. Vielleicht habe ich mir ja den Magen verdorben. Genau, das wird es
sein. Ich hätte das letzte Stück Käse nicht essen sollen und --' Was immer Roger auch dachte,
es erstarb in dem Augenblick, als er eine eisige Berührung an seinem Rücken verspürte. Er
wandte sich um und fuhr zusammen, denn vor ihm schwebte eine einzelne, skelettierte Hand, die
sich jetzt auf ihn zu bewegte.
"Hilfe..." Zu viel mehr, als einem Flüstern war Roger augenblicklich allerdings nicht fähig
und so blieb ihm nichts anderes übrig, als sein Heil in der Flucht zu suchen. Doch immer noch
war die Tür verschlossen und als er zum Fenster stürzen wollte, hielt er mitten in der
Bewegung inne, denn die beiden Flügel setzten sich scheinbar von ganz alleine in Bewegung.
Als der Griff herumgedreht wurde, konnte man zwei weiße Hände erkennen, die aus den
Samtärmeln eines altertümlichen, bordeauxroten Gehrockes lugten. Und dann drehte sich eine
zwar durchsichtige, aber dennoch deutlich erkennbare Gestalt zu Roger herum. Auch dieser
Fluchtweg war ihm versperrt.
"So, Sie sind also der Tropf, der es wagt, an mir zu zweifeln?"
Eine Stimme von der Kälte und Tiefe eines Grabes, ließ Roger sich am Bettpfosten festhalten.
Er bebte am ganzen Körper, daß jeder Zitteraal neidisch geworden wäre, und seine Zähne
klapperten unkontrolliert aufeinander.
"Dann wollen wir mal sehen, ob Ihr Zweifel genauso groß ist, wie Ihre Angst."
Der Geist schickte sich an, näher zu kommen und Roger beeilte sich zu sagen: "N-nein, i-i-ich
z-zweif-fle ü-ü-berh-ha-aupt-t ni-icht."
Eine hektische Panik ergriff von Roger Besitz, und er hatte Probleme, überhaupt einen Satz
herauszubringen. Der Geist bedachte ihn mit einem amüsierten Blick, offenbar freute er sich
über die Wirkung, die seine Gegenwart hervorrief. Mittlerweile hatte sich sein Körper soweit
manifestiert, daß Roger nicht mehr mühelos die Wand hinter ihm sehen konnte, doch ein
grünlicher Schimmer lag auf der weißen Haut der Hände und des Gesichts, was eigentlich noch
unheimlicher wirkte. Außerdem beruhigte es ihn nicht gerade, als er sein Gegenüber genauer
sehen konnte, denn in dem strengen, wenn auch zu Lebzeiten des Lord sicher einmal
gutaussehenden, Gesicht konnte Roger kein Mitleid erkennen.
Die Augenbrauen lagen gerade über rötlich glitzernden Augen, die bar jedes Humors zu sein
schienen, und der Mund mit den dünnen Lippen zeugte nicht gerade von einem besonders
fröhlichen Menschen. Doch noch während Roger den Geist ängstlich betrachtete, änderte sich
plötzlich die Miene Lord Percys. Die Düsternis wich einem belustigten Ausdruck und als er
jetzt wieder sprach, war seine Stimme zwar immer noch tief und von einer entsetzlichen Kälte,
doch nicht mehr gar so bedrohlich.
"Wenn Sie nicht zweifeln, brauchen Sie mich auch nicht zu fürchten. Lediglich ein bißchen
erschreckt sein, das reicht mir schon."
Roger nickte und stieß hervor: "Ich bin erschreckt, ganz gewaltig sogar. Ja, unzweifelhaft
erschreckt."
"Dann werden Sie sicherlich nichts dagegen einzuwenden haben, wenn Sie Lord Gizmore morgen
sehen, ihn davon zu unterrichten, mit mir gesprochen zu haben, nicht wahr?"
Die Freundlichkeit in den Worten des Geistes ließ Roger die Haare zu Berge stehen, denn es
war ihm klar, was die Konsequenz war, wenn er sich weigerte. Mit dieser Erscheinung war nicht
gut Kirschen essen, das hatte er schnell gelernt, besonders wenn man die persönliche Ehre
dieses Wesens ankratzte. Roger machte also gute Miene zum bösen Spiel und versprach, Lord
Gizmore von der nächtlichen Unterredung zu berichten. Das Gespenst nickte erfreut und war
schon im Auflösen begriffen, als es noch eine Warnung hinterher schickte.
"Denken Sie daran: morgen früh. Denn Sie haben doch vor, noch länger hier zu nächtigen, oder?"
"Ich, äh, ja, das werde ich wohl -" Roger unterbrach sich, als er das zufriedene Lächeln des
Geistes sah, dann war Lord Percy verschwunden.
Einen Moment hielt Roger sich noch am Pfosten fest, dann sank er mit einem Seufzer zu Boden.
Er schüttelte den Kopf und fuhr sich mit der Hand über die Augen. 'Geister! Gespenster! Was
wohl als nächstes auf mich zukommt? Ein Vampir, oder vielleicht ein Werwolf?'
Der Student rappelte sich auf und kroch in die Wärme des Bettes zurück. Aber von Schlafen war
keine Rede. Denn jetzt war Rogers kriminalistischer Spürsinn geweckt. Obwohl er immer noch
skeptisch war, wollte er doch der Sache auf den Grund gehen.
Den Gedanken, daß vielleicht doch Lord Gizmore hinter allem steckte, und er einer Täuschung
aufgesessen war, verwarf er direkt wieder. Wenn es sich um einen Poltergeist gehandelt hätte,
dann wäre er mißtrauisch geworden, aber so... Diese Poltergeistphänomene traten außerdem
meistens in der Person von Mädchen im Teenageralter oder vernachlässigten Ehefrauen mittleren
Alters auf, die durch allerlei Tricks ihre Umgebung täuschten, um Aufmerksamkeit zu erheischen.
Cynthia war zu alt für solche Kindereien und Lady Mirabelle machte nicht gerade einen
unzufriedenen oder gar unterdrückten Eindruck. Und wie er selbst ja bereits festgestellt hatte,
es war kein Poltergeist gewesen, der ihn da heimgesucht hatte. Nein, es mußte sich tatsächlich
um ein echtes Gespenst handeln.
In allen Geistergeschichten die er kannte, mußten die Spukgestalten entweder für etwas sühnen,
das sie zu Lebzeiten verbrochen hatten, oder aber es waren die Seelen Ermordeter, die solange
spuken mußten, bis die Tat durch jemanden vergolten war.
War Lord Percy ermordet worden? Oder hatte er selber vielleicht eine furchtbare Untat begangen,
die ihn zu einem solchen Schattendasein verurteilte? Da gab es nur eins, was Roger tun konnte:
er mußte entweder Lord Faversham persönlich oder ein Mitglied der Dienerschaft auf den Geist
Lord Percys ansprechen. Allerdings dürfte es nicht so aussehen, als würde er an dessen
Vorhandensein glauben. Er konnte eine wissenschaftliche Untersuchung vortäuschen, das würde
die Sache auch Cynthia gegenüber erklären. Roger wickelte sich in die Decke und war schon
fast eingeschlafen, als eine leise Stimme sagte: "Gedenken Sie Ihres Versprechens... ",
gefolgt von einer bedrohlichen Stille, in der Roger ein boshaftes Kichern zu hören glaubte.
Dann kehrte wirklich Ruhe ein auf Schloß Faversham. Die Uhr in der Halle schlug Eins.