Gespenster auf Schloß Faversham
Drittes Kapitel
In welchem Roger die Wahrheit über Lord Percy erfährt und einen zweiten Besuch vom Gespenst
erhält.
Lord Gizmore wurde von einem Sonnenstrahl geweckt, der ihn an der Nase kitzelte, und mußte
erstmal gewaltig niesen. Er gähnte und sah dann verschlafen auf die Uhr. Es war kurz vor halb
acht und damit die übliche Zeit für den Lord, sich zu erheben, um seinen Morgenspaziergang
über die Felder zu machen.
Ein Blick auf Lady Mirabelle zeigte ihm, daß er an diesem Morgen nicht mit ihrer Begleitung
rechnen mußte, sie schlief noch tief und fest. Also stand er auf, zog sich warme Sachen an,
denn es war über Nacht recht kalt geworden, und verließ das Schloß durch einen Seiteneingang.
Die frische Luft weckte die Lebensgeister des Lords, und auch sein alter Setter sprang mit
ungewohnter Munterkeit um ihn herum.
Der Gärtner Thomas war gerade dabei, die Reste von Lord Percys Tobsuchtsanfall zu beseitigen.
Überall lagen die Scherben großer Steinguttöpfe herum, in denen im Sommer die Hibiskusbäumchen
Lady Mirabelles gepflanzt waren. Im nächsten Jahr würde das Nichts werden, soviel stand für
Gizmore fest. Seine Frau würde nicht erfreut sein, wenn sie von dem angerichteten Schaden
erführe, und dann mußte Lord Percy damit rechnen, daß sie ihn zur Rechenschaft ziehen würde.
Angst vor dem Geist hin oder her, wenn es ihre Pflanzen anging, konnte Mirabelle sehr
ungehalten werden. Der Lord schwatzte ein paar Minuten mit Thomas, dann setzte er seinen Weg
fort.
Als er anderthalb Stunden später in den Speiseraum kam, wurde gerade das Frühstücksbüffet
angerichtet. Der Kaffee- und Teeduft mischte sich mit dem von gebratenem Schinken und Eiern.
Hungrig setzte sich Lord Gizmore an den Tisch und trank ersteinmal eine Tasse Kaffee, um
wieder richtig warm zu werden. Dabei las er in der Times, konnte aber nichts für ihn
interessantes dort entdecken, und ging zum Frühstück über.
Er war gerade bei Toast mit pochierten Tomaten und Rührei angelangt, als seine Tochter mit
Roger und Lady Mirabelle eintrat. Cynthia ging zu ihrem Vater und wünschte ihm einen guten
Morgen, dann nahm sie sich Tee und etwas Toast.
Der Lord brummte ein 'Guten Morgen, recht gut.', als Antwort auf Rogers höfliche Frage, wie er
geschlafen habe, dann widmete er sich wieder seinem Essen. Cynthia brachte ihrer Mutter eine
Tasse Tee und Roger einen Kaffee, dabei fiel ihr auf, das ihr Verlobter ziemlich dunkle Ringe
unter den Augen hatte und auch ungewohnt bleich war.
Sie nahm seine Hand und fragte: "Roger, mein Lieber, geht es dir nicht gut? Hast du schlecht
geschlafen?"
Roger beeilte sich, ihr zu versichern, es sei alles in Ordnung, er habe nur ein wenig
Kopfschmerzen, wohl als Folge des Durchzuges im Schloß.
Lord Gizmore hob fragend eine Augenbraue und meinte: "Durchzug? Von welchem Durchzug sprechen
Sie denn bitte? Ich spüre nichts von irgendeinem Durchzug, ihr vielleicht?"
Er sah seine Frau und Tochter an, doch diese konnten auch nur verneinend den Kopf schütteln.
"Vielleicht sind Sie aber auch zu zart besaitet für das Klima hier?"
Roger ignorierte die Spitze in den Worten des Lords und beeilte sich zu versichern, daß es
wohl ein kalter Luftzug vom Fenster gewesen sein mußte. Cynthia sah Roger mitfühlend an, denn
sie merkte sofort, daß ihr Vater immer noch eine Abneigung gegen ihn hatte.
"Ja, daran werden Sie sich wohl gewöhnen müssen, falls Sie vorhaben, Ihren Aufenthalt hier
noch zu verlängern."
Darauf konnte der junge Mann dann doch keine Antwort mehr finden, so daß Cynthia für ihn
einsprang.
"Aber sicher bleibt er noch. Wir wollen in drei Tagen zusammen zurück nach London fahren. Das
hatte ich euch doch schon erzählt, nicht wahr, Mutter?"
Da Lady Mirabelle das bestätigte, war Lord Gizmore fürs Erste der Wind aus den Segeln genommen.
Aber er ahnte, daß die bleiche Gesichtsfarbe Rogers, und die dunklen Augenringe von einer
ganz und gar nicht ungestört verbrachten Nacht herrühren mußten und war bemüht, die Wahrheit
aus dem jungen Mann herauszubringen.
"Sagen Sie, wie denken Sie jetzt eigentlich über Gespenster? Ich meine, Sie haben diese Nacht
ja in einem Spukschloß verbracht. Also, wie war Ihr erster Eindruck?"
Das traf Roger jetzt zwar unvorbereitet, aber er hatte sich doch bemerkenswert gut unter
Kontrolle. Er wechselte lediglich kurz die Gesichtsfarbe, und seine Ohren nahmen die Tönung
reifer Tomaten an, seine Antwort war jedoch äußerst beherrscht.
"Wollen Sie meine wissenschaftliche Beobachtung hören?"
Als der Lord darauf nickte, wenn auch mit einem versteckten Lächeln, fuhr Roger fort:
"Nun gut, ich denke, das alte Holz arbeitet und gaukelt dem menschlichen Ohr, zusammen mit
der Phantasie das Geräusch von Schritten vor. Der Wind, oder der Durchzug bewegen einen
Vorhang in einem verschlossenen Raum und schon schreit alle Welt: ein Gespenst! Aber für mich
ist das nichts weiter als Humbug. Es gibt keine Geister."
Im gleichen Augenblick, da er diese Worte äußerte, wurde der Stuhl, auf dem er saß, mit einer
solchen Vehemenz fortgerissen, daß Roger fast zwei Meter vom Tisch entfernt auf dem Teppich
zu liegen kam.
Alle Anwesenden sprangen auf und Cynthia eilte ihrem Verlobten zur Hilfe, der mit entsetztem
Blick da saß und sich fragte, wieso er nicht schon am Vorabend aus diesem Tollhaus geflohen
war. Dann ertönte eine Stimme, die Roger die Haare zu Berge stehen ließ.
"Pflegen Sie so, Ihre Versprechen zu halten? Ich bin wirklich enttäuscht. Sogar sehr
enttäuscht!"
Die Luft vor der Anrichte waberte und dann stand von einem Augenblick auf den anderen Lord
Percy im Raum. Augenblicklich fiel die Temperatur und ein Hauch des grünlichen Schimmers war
um die Geistergestalt. Zwar war die Erscheinung am hellen Tage nicht so deutlich zu erkennen,
wie des Nachts, aber niemand konnte ihre Anwesenheit leugnen.
Er richtete den Blick seiner flammenden Augen auf Roger, der wie ein Häufchen Elend am Boden
kauerte, und spie die Worte förmlich aus, als er sagte: "Sie sollten sich in Acht nehmen,
mein Herr. Wenn die Nacht kommt suchen Sie sich besser eine andere Unterkunft, als dieses
Schloß."
Nun fühlte Lord Gizmore sich doch verpflichtet seinem Gast beizustehen, auch wenn er dem
Gespenst am liebsten Beifall gespendet hätte. Der Lord hielt noch sehr viel von dem
altmodischen Brauch des Gastrechtes, sogar soviel, daß er es in Kauf nahm, seinem Hausgeist
entgegen zu treten.
"Lord Percy, " der Hausherr rang sichtlich nach passenden, nicht allzu ruppigen Worten, "ich
bitte doch um etwas Nachsicht. Dieser junge Mann ist schließlich Gast dieses Hauses."
"Das einmal meines war! Da ich immer noch hier bin, habe ich doch wohl auch einen gewissen
Einfluß darauf, wem hier zu nächtigen gestattet wird. Oder wollen Sie, Lord Gizmore, das
etwa anzweifeln?"
"Keineswegs, keineswegs. Ich wollte lediglich darauf hinweisen, daß die heutige Jugend sich
etwas schwer tut mit, eh, mit-"
"Mit Gespenstern. Sprechen Sie es ruhig aus. Schließlich bin ich ein Geist, nichts anderes."
"Hm, ja, also. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, also, bitte, Lord Percy, seien Sie etwas
nachsichtiger mit Roger Bentley."
Der Geist schien sich das ganze durch den Kopf gehen zu lassen, zumindest deutete sein
Gesichtsausdruck das an. Dann sagte er, schon etwas milder gestimmt: "Für dieses Mal will
ich's gut sein lassen, aber denken Sie daran, Lord Gizmore, nur für dieses einen Mal!"
Damit verschwand Lord Percy, und es wurde wieder wärmer im Speisezimmer. Roger atmete
erleichtert auf und ließ sich von Cynthia wieder auf die Beine helfen. Lady Mirabelle,
die den ganzen Vorfall über wie festgenagelt auf ihrem Stuhl gesessen hatte, lehnte sich mit
einem Seufzer zurück und sah ihren Mann bewundernd an. Sie hätte nicht gewagt, so mit dem
Geist Lord Percys zu sprechen.
Genauer gesagt, auch Lord Gizmore hätte sich das eigentlich nicht zugetraut, doch angesichts
des total verängstigten Rogers hatte er einen Auftrieb an Mut bekommen wie schon lange nicht
mehr. Seine Position als Herr des Hauses forderte natürlich ein solches Verhalten, aber was
noch wichtiger war, sein eigenes Ego hätte es nur schwer verkraftet, wenn er vor seinem
spukenden Ahnen auf den Knien herumgekrochen wäre, denn immerhin floß mit seinem Blut, auch
der Stolz der Favershams in seinen Adern.
Aber als es unerwartet an der Türe klopfte, fuhr auch Lord Gizmore erschreckt zusammen. Der
eintretende Butler warf einen unbewegten Blick auf das Szenario, dann wandte er sich an den
Lord.
"Sir, Dr. Sittingbourne bittet mich, ihn anzumelden."
"Ja? Ehm, ja gut, führen Sie ihn bitte herein."
Bis der Doktor hereinkam, war der Stuhl wieder an seinem Platz und Roger saß am Tisch und
nicht mehr auf dem Teppich. Aber einem so guten Beobachter wie Sittingbourne entging
natürlich nicht, daß etwas vorgefallen war. Er stellte seine Tasche auf einem freien Stuhl ab
und wandte sich an Lady Mirabelle.
"Madame, ich hoffe, es geht Ihnen gut? Sie sehen etwas bleich aus, vielleicht ein
Stärkungsmittel?"
Aber die Angesprochene winkte ab und meinte, ein starker Kaffee würde schon reichen. Cynthia
war ebenfalls dieser Meinung, lediglich Roger bedurfte eines Verbandes am linken Handgelenk.
Er hatte sich eine Verstauchung zugezogen, als er den Sturz abfing. Der Lord selber benötigte
keine ärztliche Hilfe, wollte aber die Meinung Sittingbournes zum Vorfall hören.
Der Doktor ließ sich alles genau beschreiben und wiegte nachdenklich den Kopf, als der Lord
geendet hatte.
Er war mit dem 'Problem Lord Percy' bestens vertraut, schließlich hatte er bereits einige
Male Gäste pflegen müssen, die auf eine Geistererscheinung etwas heftiger reagierten, als
Roger.
Aus der Chronik des Ortes Faversham ging hervor, daß es um die Jahrhundertwende zu einigen
ernsten Zwischenfällen gekommen war. Daher war Sittingbourne immer auf das Schlimmste gefaßt,
wenn er zum Schloß gerufen wurde. Aber das übelste war bisher gewesen, daß ein entfernter
Cousin der Lady aus dem Turmfenster gesprungen war. Leider geschah das in einem strengen
Winter, als der Wassergraben zugefroren war. Doch ein glückliches Geschick hatte ein größeres
Unglück vermieden, und der Mann wurde mit nur einem gebrochenen Bein und mehreren Prellungen
ins Krankenhaus eingeliefert.
Seither hatte der gute Doktor sich so seine Gedanken über Gespenster und ihre Wirkung auf
Menschen gemacht. Man mußte schon ziemlich von Panik erfüllt sein, um aus einem Fenster in
ungefähr dreizehn Metern Höhe zu springen, noch dazu im Winter.
"Tja, Sir, ich hatte Ihnen von meiner gestrigen Beobachtung berichtet, doch da Sie diese
ignorierten..."
"Ach, damit hatte das eben überhaupt nichts zu tun, glauben Sie mir. Aber offenbar hatte
unser junger Freund hier in der vergangenen Nacht Besuch von Lord Percy. Und da er immer noch
leugnete, daß es Gespenster gibt, fühlte der Lord sich hintergangen, noch schlimmer, er war
gekränkt."
Der Doktor wandte sich an Roger und faßte ihn scharf ins Auge. Der junge Mann fühlte sich
unter diesem prüfenden Blick nicht weniger unbehaglich, als wenn der Geist ihn so angesehen
hätte.
"Da haben Sie sich ja eine schöne Suppe eingebrockt, Mr., äh, wie war doch gleich noch mal
Ihr Name?"
"Bentley. Roger Bentley."
"Bentley, wie? Welchen Wagen fahren Sie denn? Haha, guter Witz, nicht wahr?"
Der Lord stimmte in das Gelächter des Doktors mit ein, aber Roger konnte daran nicht viel
spaßiges finden.
"Ich finde das gar nicht zum Lachen, Doktor-"
"Er heißt Sittingbourne," half Cynthia Rogers Gedächtnis auf die Sprünge.
"Ja, Doktor Sittingbourne, oder sollte ich vielleicht besser sagen: Sitting Bull?"
"Touchée! Das war gut, junger Mann!" Sittingbourne stimmte in das Gelächter Rogers, Cynthias
und Lady Mirabelles mit ein, während Lord Gizmore sich zu einem sauertöpfischen Lächeln
durchrang. Lady Mirabelle forderte den Arzt auf, sich zu setzen und ein zweites Frühstück
einzunehmen, was Sittingbourne auch gerne tat.
"Ach ja, bei dieser Kälte gibt es nichts besseres als heißen Kaffee, nicht wahr? - Oh, ich
nehme gerne etwas Ei und Schinken. Das wäre nicht nötig, Cynthia, der Gang zum Büfett ist mir
noch nie sonderlich schwergefallen."
Mit einem Augenzwinkern für Cynthia, die den rundlichen Doktor gut leiden konnte, nahm er
einen tiefen Schluck aus der Kaffeetasse, bevor er sich an Roger wandte.
"Nun gut, mein lieber Bentley, Sie müssen der Tatsache ins Gesicht sehen, daß Lord Percy Sie
haßt. Glauben Sie mir, das kann man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ihr Gastgeber
hier, kann Ihnen sicherlich einige Geschichten erzählen, die lassen Ihnen die Haare zu Berge
stehen."
Der Lord wollte abwehren, doch Cynthia kam ihm zuvor.
"Mir hat er früher schon so einiges erzählt, vor allem die Geschichte, wie Lord Percy zum
Geist wurde. Ich finde, die sagt eigentlich schon alles über den Charakter dieses feinen
Herren."