Gespenster auf Schloß Faversham
Viertes Kapitel
In welchem wir nun erfahren, was es mit Lord Percy wirklich auf sich hat, und eine nächtliche
Expedition gestartet wird.
Roger war neugierig zu erfahren, wie sich das zugetragen hatte, und schließlich ließ der Lord
sich überreden. Er räusperte sich und blickte verschwörerisch in die Runde, dann trank er
einen Schluck Kaffee und nach einem erneuten Räuspern begann er, mit leiser, geübter
Gruselgeschichtenerzählerstimme.
"Also, Lord Percy. Ja, ich kann euch sagen, daß waren noch Zeiten, als der gute Percy lebte,
damals vor zweihundert Jahren. 1778 war das Jahr, als es passierte. Der Herr von Schloß
Faversham hatte da noch ziemlichen Einfluß und verfügte auch über einigen Wohlstand, wenn
auch nicht soviel, wie andere Edle, aber doch genug. Es reichte für ein herrschaftliches
Leben, mit Jagden, Bällen und anderen Vergnügungen.
Besonders einem war Lord Percy verfallen, nämlich dem Whistspiel. Bei diesem Spiel haben
schon viele Haus und Hof verloren, denn die Einsätze waren hoch und es gehörte zum guten
Ansehen, bei einer Partie Whist mithalten zu können. Geldhaie gab es damals schon und viele
verpfändeten ihre Juwelen oder Grundstücke.
Lord Percy hatte einen guten Freund, Arthur, den Earl von Bently Hall. Dieser Earl war
märchenhaft reich, allein in England besaß er mehrere Schlösser, und eines in Frankreich,
woher ein Zweig seiner Familie stammte. Zudem verfügte er über großen Grundbesitz und Anteile
an etlichen Gesellschaften. Ja, der gute Earl konnte es sich leisten, an den Spielabenden
hier im Schloß teilzunehmen.
Anfangs kamen die zwei prächtig miteinander aus, es war ja nur ein Spiel, ein Vergnügen für
sie. Aber irgendwann gerieten sie aneinander, es ging, glaube ich, um den Gewinn einer Partie.
Das war damals noch ein guter Grund, eine Freundschaft zu beenden. Sie spielten zwar
weiterhin miteinander Whist, aber nun war aus dem Spiel Ernst geworden. Lord Percy war sehr
gut, aber der Earl war besser. Tja, jetzt kommt der etwas unrühmlichere Teil der Geschichte.
Denn um trotzdem zu gewinnen, manipulierte der Lord die Karten, und es gelang ihm tatsächlich,
damit unerkannt durchzukommen. Niemand merkte etwas, denn da der Lord als guter und fairer
Spieler galt, kam keiner auf den Gedanken, etwas könnte nicht stimmen.
Eines Tages dann begannen die beiden, Lord und Earl, eine Partie, die alles entscheiden sollte.
Sie wollten erst aufhören, wenn einer wirklich geschlagen wäre, mit anderen Worten, völlig
mittellos.
Um das ganze abzukürzen: Lord Percy gewann. Er gewann alles, was dem Earl gehörte. Aber
anstatt sich großmütig zu zeigen, den Streit als beigelegt zu betrachten und dem Earl den
Gewinn zurückzuerstatten, beharrte er auf seinem Recht. Er ließ die gesamten Besitztümer des
Earls, soweit sie veräußerlich wären, auf sich überschreiben. Seine Frau versuchte zwar ihn
umzustimmen, aber er gab nicht nach. Lediglich die Familie des Earls sollte versorgt sein, er
selbst nicht.
Das war natürlich nicht gerade christlich gedacht, aber Lord Percy war so von seiner Rache
berauscht, daß er gar nicht an etwaige Folgen dachte. Dann jedoch machte er einen großen
Fehler. Einige Zeit nach dem Spiel bat Arthur ihn um ein Gespräch, und Percy stimmte zu, da
er sich schon darauf freute, seinen einstigen Freund völlig am Boden zerstört zu finden.
So weit kann Haß einen Menschen treiben, daß er Freunde zu Feinden macht.
Die beiden Edelleute trafen sich, ihr Gespräch lief für Lord Percy auch relativ nach Wunsch,
doch dann passierte ihm ein eigentlich unverzeihlicher Schnitzer. Er ließ Andeutungen über
den Verlauf der Whistpartie fallen, die klar machten, daß er auf nicht ganz legale Weise
gewonnen hatte. Der Earl forderte ihn auf der Stelle zum Duell, und da der Lord ein
exzellenter Fechter war, ließ er sich auch darauf ein.
Ohne weiter Förmlichkeiten begaben sich die beiden Hitzköpfe in den Park, begleitet von dem
Sekretär des Lords und dem Kutscher des Earls. Tja, was soll ich noch weiter sagen. Offenbar
war der Earl doch besser als Lord Percy, denn er brachte seinem Gegner eine schwere Wunde bei,
die meinen Ahnen innerhalb zweier Tage dahinraffte. Die Gattin des Verstorbenen machte die
Überschreibung des Vermögens rückgängig und so war der Frieden wieder hergestellt.
Zumindest bis zu dem Tag, besser gesagt, der Nacht, in der das erste Mal Lord Percys Geist
gesehen wurde. Er wurde dazu verdammt, des Nachts zu wandeln, bis die Vergehen seiner
Zeitlichkeit hinweggeläutert sind."
Lord Gizmore sah seine Zuhörer erwartungsvoll an, er hatte sich auch wirklich Mühe gegeben,
und lehnte sich zurück. Cynthia, die ja schon mit der Geschichte vertraut war, lächelte ihren
Vater an und goß ihm Kaffee nach. Die anderen, Dr. Sittingbourne eingeschlossen, schwiegen
einen Moment, dann redeten alle durcheinander.
Schließlich war es schon eine Ungeheuerlichkeit, die der alte Percy sich da geleistet hatte.
Roger sah die Annahme, die er letzte Nacht schon hatte, bestätigt. Nun mußte man sich dem
Problem zuwenden, wie man den unseligen Lord erlösen konnte. Doch als er seine Meinung
diesbezüglich kundtat, erntete er von Seiten Lord Gizmores nur einen verständnislosen Blick.
"Mein lieber Junge," er nannte Roger tatsächlich so. "Wie kommen Sie nur auf einen solchen
Gedanken? Wer sagt Ihnen denn, daß der gute Percy überhaupt erlöst werden will? Das haben
nämlich schon andere versucht. Kurz nachdem der Spuk aufgetreten war, haben sein jüngerer
Bruder und der Arzt der Familie, ein Sittingbourne übrigens, sich diese Aufgabe gestellt.
Denn natürlich wollte Percys Bruder nicht, daß Schloß Faversham ein weiteres Spukschloß auf
einer langen Liste wurde. Außerdem schwang wohl auch ein Funke brüderlicher Zuneigung mit.
Percy tat ihm, das hat er in seinem Tagebuch damals vermerkt, ziemlich leid, obwohl sein
älterer Bruder zu Lebzeiten manchmal ein ziemlicher Tyrann sein konnte."
"Davon hast Du mir ja noch nie erzählt, Papa!"
"Was soll es da schon zu erzählen geben." Der Lord lachte kurz und freudlos. "Sie warteten
auf Lord Percy, und als er erschien, fragten sie ihn, wie er erlöst werden könnte. Der Geist
erklärte ihnen kurz und bündig, es gäbe für ihn keine Erlösung, da er sie nicht wünsche,
sondern zufrieden mit seiner Existenz sei. Dabei blieb es."
"Und niemand in den ganzen zweihundert Jahren hat noch einmal den Versuch unternommen?"
Ungläubig sah Roger Lord Gizmore nicken. "Warum denn nur? Ist denn keinem von Ihren Vorfahren
in den Sinn gekommen, daß Percy sich nur einredete, nicht erlöst werden zu wollen? Das ist
doch ein ganz klassischer Fall von Schuldverdrängung!"
Roger sprang eifrig auf und ging im Raum ein paar Schritte. Cynthia sah ihn bewundernd an,
denn obwohl ihr auch diese Idee gekommen war, hatte sie sich nicht getraut, ihrem Vater zu
widersprechen.
Der Lord schnaubte unwillig, aber dann sah er sich seines besten Verbündeten beraubt, denn
Dr. Sittingbourne fand Gefallen an der Theorie seines angehenden Kollegen.
"Das könnte es in der Tat sein. Lord Percy hat sich im Laufe der Zeit eingeredet, freiwillig
zu einem Gespenst geworden zu sein, und jetzt glaubt er es tatsächlich."
"Aber," Cynthia hatte einen ernsthaften Einwand, "in gewisser Weise ist er dann doch wirklich
aus eigenen Stücken Geist geblieben. Ansonsten hätte er doch bestimmt die erstbeste
Möglichkeit wahrgenommen, um Erlösung zu finden."
Diese Argument bremste dann den Eifer Rogers und Sittingbournes. Sie kamen zu dem Schluß, daß
nur einer hierauf eine verläßliche Antwort geben konnte, nämlich Percy Fitzwilliam,
Vierzehnter Lord von Faversham, persönlich. Roger erbot sich, um Mitternacht mit dem Gespenst
zu sprechen, woraufhin Cynthia ihrem (Fast-) Verlobten sofort beizustehen gedachte.
Auch Dr. Sittingbourne äußerte sein Interesse in dieser Angelegenheit. Schließlich wollten
auch der Lord und seine Frau mit dabei sein, so daß man also zum Schluß zu fünft dem
nächtlichen Ereignis entgegen fieberte.
Roger kam ein Tag niemals wieder so lang vor, wie dieser besondere. Er und Cynthia machten
einen langen Spaziergang, wobei sie über alles sprachen, nur nicht Lord Percy. Unter anderem
machte der junge Mann, von einer ziemlichen Nervosität ergriffen, und darum auf jedes noch so
harmlose Geräusch besonders empfindlich reagierend, einen erschrockenen Satz ins Gebüsch, als
er ein Quietschen hörte, welches ihn an Percys Ketten erinnerte.
Es stellte sich heraus, daß das Eisengatter am Ein- (und Ausgang) des Labyrinthes dieses
Geräusch verursachte, als Thomas mit dem Schubkarren voller Laub aus dem Irrgarten herauskam
und das Gatter öffnete. Wie gesagt, mit Rogers Nerven stand es in diesem Moment wirklich
nicht zum Besten.
Beim Tee waren alle ungewöhnlich schweigsam und keiner konnte sich zu einer Unterhaltung
aufraffen. Nur das emsige Rühren in den Teetassen und ein gelegentliches Klirren, wenn eine
Tasse auf den Tisch gestellt wurde, durchbrach die Stille, die sich über die Gesellschaft im
Salon gelegt hatte.
Lord Gizmore machte sich so seine Gedanken über den Abend, und das bevorstehende Ereignis.
Er glaubte nicht, daß Roger und Dr. Sittingbourne mit ihrem Plan Erfolg haben würden. Eher
fielen Weihnachten und Ostern auf einen Tag, als das Percy aufhörte zu spuken. Endlich
wurde es Abend, und man fand sich im Speiseraum ein. Um für die Nacht gewappnet zu sein,
nahmen alle ein kräftigendes Mahl ein, und dann blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu
warten.
"Meine Liebe," Lord Gizmore wandte sich besorgt an seine Frau, "bist du dir ganz sicher, das
du nicht lieber hierbleiben willst? Es könnte in gewisser Weise unangenehm werden,
schließlich war seit Jahren niemand mehr da unten, und -"
"Ich bin fest entschlossen, mein guter Gizmore. Was kann da unten schon schlimmeres sein, als
ein paar Ratten und Mäuse? Von Lord Percy einmal abgesehen, natürlich."
Sie hatten sich am Eingang zu den Kellergewölben eingefunden, mit Taschenlampen ausgerüstet,
da es dort unten kein elektrisches Licht gab. Außerdem hatte der Lord einen schweren Revolver
aus dem Waffenschrank geholt, man konnte ja nie wissen.
Jetzt wollte er seine Frau davon überzeugen, zusammen mit Cynthia im Salon zu warten, aber da
seine Tochter keineswegs die Absicht hatte untätig herumzusitzen, war auch Lady Mirabelle
fest entschlossen, mitzugehen. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zu fügen und den
anderen voran die ausgetretenen Stufen der alten Steintreppe hinunter zu steigen.
Zuerst waren sie auf der Ebene der noch immer genutzten Räume. Hier gab es auch noch
elektrische Leitungen, die der Vater des jetzigen Lords verlegen ließ, so daß sie nicht
sofort in die Düsternis der alten Verliese eintreten mußten. Die fünf Leute durchquerten
rasch den Keller und standen schließlich vor einer schweren Eichentür mit starken
Eisenbeschlägen und zwei Vorhängeschlössern, die von der Feuchtigkeit angerostet waren, aber
immer noch hielten.
Lord Gizmore förderte aus seiner Jackentasche einen großen Schlüssel, mit kompliziertem Bart
zutage und probierte ihn nach kurzem Zögern aus. Er paßte, ließ sich aber etwas schwerfällig
drehen, denn immerhin war die Tür seit Jahren nicht mehr benutzt worden. Dementsprechend
hatte sie sich auch relativ stark verzogen und konnte nur durch die gemeinsame Anstrengung
der drei Männer geöffnet werden. Sie stemmten sich gegen das alte Holz und mit einem empörten
Knirschen gab die Türe endlich nach.
Ein muffiger Geruch von abgestandener Luft kam aus den Verliesen herauf und jagte den
Anwesenden einen Schauer über den Rücken.
Lord Gizmore, die Taschenlampe in der einen und den Revolver in der anderen Hand, schritt
mutig voran. Hinter ihm kamen der Doktor mit Lady Faversham, dann folgten Cynthia und Roger,
der das Schlußlicht bildete. Die Lichtkegel der Lampen fielen auf staubige und zerrissene
Spinnweben, und hin und wieder huschte etwas in die Schatten, als die Gruppe die Treppe
hinunterstieg.
Es wurde beständig kälter, je tiefer sie gelangten und ihr Atem bildete kleine Wölkchen in der
Luft. Hier unten gab es nichts, was den Frost abhielt, in das Gemäuer einzudringen, und in
der letzten Ebene glitzerten die Wände vor Eis. Dies war Lord Percys Refugium. Die Kälte
konnte ihm nichts anhaben und wenn es ihm zu langweilig wurde, begab er sich ja meistens in
sein Geheimversteck oben im Salon.
Roger sah sich immer wieder um, denn er hatte das unbestimmte Gefühl, beobachtet zu werden.
Den anderen erging es nicht besser. Besonders Cynthia, die einmal als Kind mit ihrem Vater in
den Verliesen war und damals oft genug Alpträume von diesen finsteren und kalten Gewölben
hatte, fühlte sich unwohl. Sie hatte sich eine warme Jacke angezogen und einen Schal um den
Hals gewickelt, trotzdem zitterte sie, seit sie durch die Türe in die Tiefe geschritten war.
Es war totenstill, lediglich das Geräusch ihrer Schritte begleitete die Fünf, als sie
vorsichtig weitergingen. Bei jedem Rascheln zuckten sie zusammen und mehr als einmal war Lady
Mirabelle kurz davor zu schreien, wenn sie eine Bewegung aus den Augenwinkeln wahrnahm.
Schließlich erreichten sie die Folterkammer, dem zentralen Raum der Kerkerebene. Es roch nach
vermoderndem Holz, und auch wenn es Jahrhunderte her war, daß die Gerätschaften, die man im
Dämmerlicht erkennen konnte, gebraucht wurden, vermeinte man noch etwas von der
angsteinflößenden Atmosphäre früherer Zeiten zu verspüren.
Roger faßte sich ein Herz und trat weiter in den Raum hinein. Doktor Sittingbourne tat es ihm
gleich, und gemeinsam untersuchten sie die Kammer. Sie fanden eine vom Rost völlig
zerfressenen Eiserne Jungfrau. Die Metallspitzen im Inneren des sarkophagähnlichen Gebildes
waren seit langem stumpf geworden, und nur die aufgemalten Augen des Gesichtes waren noch
deutlich zu erkennen, sie starrten ins Dunkel auf der anderen Seite des Raumes.
Dort befand sich eine Streckbank, deren Schließen aus Leder längst von Ratten gefressen waren.
Das wurmstichige Holz erweckte den Eindruck, bei der geringsten Berührung zu zerfallen. Aber
als Roger näher heranging, entdeckte er bräunliche Verfärbungen, die er als seit Hunderten
von Jahren eingetrocknetes Blut erkannte. Er schüttelte sich bei dem Gedanken an die armen
Teufel, denen hier wahre und falschen Geständnisse entrungen wurden.
Der Doktor hatte sich in ein Gelaß, welches sich in einer Seitenwand der Kammer befand,
begeben und machte eine schaurige Entdeckung. Unter einem Haufen alter Lumpen, die sich als
Reste eines einstmals prächtigen, mittelalterlichen Gewandes herausstellten, fand er ein
menschliches Skelett, die Arme noch immer von den Metallschließen, die vor langer Zeit einmal
von einem Kerkermeister angelegt wurden, an die Wand gekettet.
Sittingbourne teilte seine Entdeckung den anderen mit und Lord Gizmore rief erstaunt aus: "Das
muß dieser Robert de Bracy sein, ein Edelmann der gemeinsam mit Walther Faversham aus dem
Kreuzzug 1189 zurückkehrte und unter äußerst mysteriösen Umständen verschwand. Angeblich
hatte er sich schwarzer Magie bedient und es wurde gemunkelt, der Teufel persönlich hätte ihn
geholt. Also hier wurde er hingebracht. Ja, ja, damals waren finstere Zeiten, in der Tat."
Die anderen nickten pflichtschuldig, dann beeilten sie sich, diesem grauslichen Fund den
Rücken zu kehren. Lediglich Cynthia meinte, man könne ihn doch nicht einfach dort liegen
lassen, sondern müsse ihn beerdigen, woraufhin Roger ihr beistimmte. Also wurde beschlossen,
Thomas die Gebeine holen zu lassen und dem Pfarrer Bescheid zu geben. Natürlich erst am
nächsten Tag, wenn ihre eigentliche Aufgabe beendet war.
Sie betraten wieder die Folterkammer und schauten sich etwas ratlos um. Eigentlich hatten sie
erwartet, Lord Percy hier anzutreffen, aber er ließ sich nicht sehen. Wie aus großer
Entfernung hörten sie ein leises Uhrenläuten. Es war Mitternacht und die Schläge der Salonuhr
drangen selbst bis in die Tiefen der Verliese.
Roger zog es zur Streckbank, er wollte sie nochmals genauer untersuchen. Als er sich
darüberbeugte, fühlte er plötzlich, wie er eine Gänsehaut bekam. Ein eisiger Hauch strich
über sein Gesicht und als er aufschaute, blickte er geradewegs in die geisterhaften Augen
Lord Percys. Roger fuhr mit einem unterdrückten Schrei zurück und alarmierte dadurch die
anderen, die sofort herbei stürzten.
Der Geist bedachte sie mit einem äußerst strengen Blick, bevor er sich an Lord Gizmore wandte.
"Ich hoffe, Sie können mir erklären, was diese Ruhestörung bedeutet? Schließlich poltere ich
ja auch nicht oben im Salon herum und durchsuche Ihre Privaträume."
Der geschäftsmäßige Ton Percys verwirrte seinen Nachfahren ziemlich, war er doch das letzte,
das man von einem Gespenst erwartet, in dessen Revier man sich begeben hat. So stotterte Lord
Gizmore nur unzusammenhängend herum, was ihm einen strafenden Blick seiner Frau und Percys
einbrachte. Es war schließlich Roger, der die Situation rettete, in dem er kurz und bündig
erklärte, es sei seine Idee gewesen und das die anderen ihn lediglich begleiteten.
"Alles schön und gut, aber das erklärt immer noch nicht, was Sie alle hier eigentlich wollen! -
Aber warten Sie, ich glaube ich kann es erraten. Wissen Sie, vor etwa hundertfünfzig Jahren
kamen mein Bruder und sein Arzt auf die glorreiche Idee, mich von meinem Geisterdasein
erlösen zu wollen. Ich vermute nun, daß Sie den gleichen Gedanken haben, nicht wahr?"
Als Roger nickte, fuhr Percy fort: "Dann wird es Sie wohl enttäuschen, wenn ich sage, daß ich
mich äußerst wohl fühle, so wie ich jetzt bin. Ich habe alle Zeit der Welt, kann alle Bücher
lesen, bin nicht mehr an diesen schwerfälligen menschlichen Körper gebunden - weshalb also,
sollte ich mir etwas anderes wünschen?"
"Sind Sie da ganz sicher? Ist es nicht vielmehr so, daß Sie keine andere Wahl haben, da Ihr
eigenes Gewissen Sie ständig plagt?"
"Phh," der Geist schnaubte verächtlich "sehe ich etwa so aus, als würde ich mich mit etwas so
unpraktischem, wie einem Gewissen belasten? Solches ist etwas für Menschen, nicht für Geister
wie mich. Außerdem hat mich der 'arme' Arthur damals nicht weniger betrogen, als ich ihn.
Der Unterschied war nur, ich war besser."
"Aber im Duell unterlagen Sie doch, oder etwa nicht?"
"Pah, es war nur ein harmloser Kratzer, mehr nicht. Zumindest war es keine tödliche
Verwundung!" Lord Percy war jetzt ernstlich wütend. "Dieser idiotische Doktor war es, der
mich auf dem Gewissen hatte. Zu Ader hat er mich gelassen! Nachdem ich durch den Blutverlust
ohnehin schon geschwächt war, bekam ich auch noch Wundfieber, das hat mich dann endgültig
geschafft."
Bisher war Doktor Sittingbourne ruhig gewesen, doch bei dieser Attacke gegen seinen Ahnen,
fühlte er sich berufen, etwas zu dessen Verteidigung zu sagen.
"Laut den Aufzeichnungen meines Vorfahren, sind Sie selbst schuld daran gewesen, da Sie zu
früh an einer Jagd teilnahmen. Erst dadurch bekamen Sie Wundfieber, nicht vorher. Ich streite
nicht ab, daß die damaligen Behandlungsmethoden primitiv im Vergleich zur heutigen Zeit
waren, aber wenn der Patient den Rat seines Arztes nicht wahrnimmt, trägt er selbst für die
Folgen die Verantwortung!"
"Oho, da spricht der Familienstolz aus Ihnen. Deshalb verzeihe ich diese harschen Worte, die
ihren Ursprung in der Tatsache haben, daß ICH damals dabei war, Sie aber nicht und es daher
nicht besser wissen können. Nun aber zu Ihnen," er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf
Roger. "Wie um alles in der Welt sind Sie nur auf diese blödsinnige Idee gekommen, ich könnte
unglücklich sein? Zum letzten Mal, ich will lediglich in Ruhe gelassen werden. Ab und zu
einmal ein bißchen herumgeistern, das ist alles. Und jetzt wäre ich ihnen allen sehr
verbunden, wenn Sie wieder in den oberen Bereich des Schlosses gingen. - Was die Reste de
Bracys angeht, nehmen Sie sie ruhig mit, er wird kaum etwas dagegen haben. Sein Geist ist
manchmal etwas nervtötend, er faselt die ganze Zeit von Richard Löwenherz und dem Kreuzzug,
an dem er teilnahm. Das ist, kombiniert mit seinem abergläubischen Geschwätz, auf Dauer nicht
auszuhalten. Begraben Sie ihn, dann hat er Ruhe, und ich auch!"
Damit verschwand Lord Percy, und ließ eine etwas aus dem Konzept gebrachte Gruppe zurück.
Sein plötzliches Auftreten hatte alle verwirrt und bevor Roger auch nur anfangen konnte,
seine Theorie auszubreiten, war der Geist auch schon wieder verschwunden. Die Mitteilung, daß
Schloß Faversham ein weiteres Gespenst beherbergte, verwunderte niemanden mehr. Lord Gizmore
meinte sogar, daß es wahrscheinlich noch einige mehr wären, schließlich hätte seine Familie
eine bewegte Vergangenheit hinter sich.
Sie machten sich also auf den Weg zurück, wobei niemand bedauerte, die feuchten Gewölbe
hinter sich zu lassen. Lady Mirabelle schrieb im Salon direkt eine Nachricht für Thomas,
damit er sich am nächsten Morgen gleich um de Bracy kümmern konnte. Als sie alle in der
Bibliothek saßen und sich wieder aufwärmten, rang Roger eine Weile mit sich, dann sagte
er: "Lord Gizmore, ich denke, ich muß einen Fehler eingestehen. Es war für mich unbegreiflich,
daß es Gespenster geben soll, und daraus haben sich einige unangenehme Dinge entwickelt.
Aber nachdem ich eines Besseren belehrt wurde, ergibt sich für mich die Notwendigkeit, Ihnen
meine förmliche Entschuldigung für alle Unannehmlichkeiten, die ich verursachte, anzubieten."
"Ja, nun, junger Mann. Ich muß mich, glaube ich, auch entschuldigen. Ich habe Ihnen von Anfang
an Steine in den Weg gelegt. Obwohl nicht aus Bosheit, sondern aus Sorge um meine Cynthia,
war das nicht sehr sportlich. Ehem. Ja, also, geben wir uns doch die Hand und fangen nochmals
von vorne an, in Ordnung?"
Cynthia sah lächelnd zu, dann umarmte sie ihren Vater und sagte: "Ich wußte doch gleich, daß
du den Brummbären nur gespielt hast! - Jetzt können wir es ihnen doch sagen, nicht wahr,
Roger?" Sie sah den Angesprochen auffordernd an, als der nickte, meinte sie: "Also, wir
beide, Roger und ich, wir sind verlobt."
Jetzt war es heraus und Lord Gizmore sprachlos. Zwar hatte ihm die ganze Zeit über so etwas
geschwant, aber diese Mitteilung raubte ihm für einen Moment doch die Fähigkeit, sich zu
artikulieren. Genaugenommen sah er in etwa aus, wie ein begossener Pudel. Seine Tochter
verlobt! Nicht zu fassen, dabei war sie doch erst... Lady Mirabelle unterbrach seinen
Gedankengang, als sie Cynthia und Roger gratulierte und ihn aufforderte, das gleiche zu tun.
Nachdem auch noch Sittingbourne seine besten Wünsche geäußert hatte, wurde beschlossen,
weitere Diskussionen auf den nächsten Tag zu verlegen. Müde, aber zufrieden, ging man zu
Bett, und alle kamen in den Genuß einer ungestörten Nachtruhe.