Gespenster auf Schloß Faversham


Fünftes Kapitel


In welchem alles zu einem guten Ende kommt.

Es war zwei Tage später. Lord und Lady Faversham standen gemeinsam mit ihrer Tochter Cynthia in der Halle. Roger brachte sein und das Gepäck seiner Verlobten in den Rover Mini, der vor dem Schloß geparkt war.
"Das du mir ja achtgibst, Cynthia. In London laufen doch so viele Verbrecher herum, und -"
"Oh, Mutter, nicht schon wieder. Ich kann gut auf mich selbst achtgeben, und außerdem habe ich ja jetzt einen Beschützer an meiner Seite. Bis Weihnachten ist es auch nicht mehr so lange hin, und dann kommen wir wieder her."
Nach etlichen guten Ratschlägen Lady Mirabelles hatte Cynthia es endlich geschafft, ihre Mutter davon zu überzeugen, daß sie in London gut zurechtkäme, und schon nicht unter die Räuber geraten würde. Cynthia wollte sich gerade verabschieden, als die Köchen völlig außer Atem herbeigeeilt kam. Sie trug einen Korb von einigem Gewicht, wie man aus ihrem Schnaufen schließen konnte.
"Hach, beinahe wäre ich zu spät. Aber ich konnte Miß Cynthia doch nicht ohne ordentliche Verpflegung aus dem Hause lassen. Wer weiß, was man Ihnen da in der Großstadt vorsetzt. Na, hier habe ich jedenfalls einige gute Sachen eingepackt. Und ich wünsche Ihnen beiden eine gute Fahrt."
Damit drückte sie den Korb dem verdutzten Roger in die Hand, der gerade wieder hereinkam, um sich von seinen zukünftigen Schwiegereltern zu verabschieden.
"Du meine Güte, ist der schwer. Was haben Sie denn alles eingepackt? Proviant für eine ganze Rugbymannschaft würde ich meinen."
Die Köchin beeilte sich, wieder in die Küche zu kommen, nachdem Cynthia sie umarmt und Roger ihr einen Kuß auf die Wange gegeben hatte, woraufhin die gute Seele rot wie ein Schulmädchen wurde, und genauso verlegen kicherte.
Der Lord begleitete die jungen Leute noch mit hinaus, während Lady Mirabelle wieder in den Salon ging. Es war schneidend kalt, obwohl die Sonne schien und der Himmel klar war. Lord Gizmore war froh, daß sie die Überreste de Bracys gestern noch auf dem Familienfriedhof beigesetzt hatten, denn in der Nacht hatte es stark gefroren und der Boden war vermutlich steinhart. Viele gute Ratschläge hatte der Lord nicht mehr für Roger und seine Tochter, wohl aber einen warmherzigen Händedruck für Cynthias Verlobten. Die beiden stiegen ein, und Roger beeilte sich, den Wagen anzulassen, damit die Heizung ihre Arbeit gegen die Kälte beginnen konnte. Lord Gizmore winkte ihnen zum Abschied hinterher, dann ging er eiligst ins Schloß z urück, froh in die Wärme des Salons zu kommen.
Aber hoch oben, auf den Zinnen des Westturmes saß jemand, dem der Frost nichts anhaben konnte, und blickte dem davonfahrenden Wagen hinterher. Lord Percy ließ die Beine baumeln und genoß die morgendliche Luft, als er sah, wie Gizmore, Roger und Cynthia aus dem Schloß traten. Ein bißchen tat es ihm schon leid, daß die jungen Leute weg waren, immerhin hatte er ziemliches Vergnügen daran gefunden, Roger Bentley etwas zu trietzen. Aber, so dachte der Geist, bald war ja Weihnachten...
Und es kehrte wieder Ruhe ein auf Schloß Faversham.

Tja, soviel zu Schloß Faversham und seinen Bewohnern, ob Menschen oder Geistern. Es sei noch gesagt, daß Cynthia und Roger ein Jahr später in den Stand der Ehe traten, ihre Hochzeit auf dem Schloß war ein großes Ereignis, und sich entschlossen, nach Beendigung des Studiums nach Amerika zu reisen.
Lord Gizmore verstand sich übrigens blendend mit Mr. Roger Bentley, Sr., ebenso Lady Mirabelle mit Mrs. Bentley. So waren alle glücklich und zufrieden, sogar Lord Percy, der es sich nicht nehmen ließ, zu den Hochzeitsfeierlichkeiten einige äußerst gut in Szene gesetzte Erscheinungen zu kreieren, die samt und sonders erfolgreich waren.
Und falls Sie einmal nach Faversham kommen, besuchen Sie ruhig das Schloß. Solange Sie an Geister glauben, können Sie sich eines herzlichen Empfanges sicher sein.

ENDE.



© 2006 by M.Höfkes